Against Primary Nursing

 Against Primary Nursing

Kein Modell für Deutschland!

Primary Nursing ist eine typische für und in England erfolg-reiche und durchaus dort zu fördernde Form pflegerischen Arbei-tens, aber m.E. keinesfalls ohne weiteres auf Deutschland zu über-tragen. Hier herrschen andere Strukturen und Realitäten, denen es gerecht zu werden gilt!
Ich sähe in einer unreflektierten, unkritischen Übertragung auf Deutschland vielmehr die Gefahr, daß unnötige, künstlich hergestellte Hier-archien aufgebaut würden, die der Pflege in England vielleicht vorerst hilfreich und nutzbringend gewesen sein mögen, aber besin-nen wir uns nicht hier besser auf unsere eigenen Ursprünge und Stärken?
Für mich ist dabei ein anderes, beinah skandinavisches Stich-wort, von großem Wert für deutsche Pflegerealität und Zukunft: Team-Wörk!

Das macht doch gerade so etwas wie die Bezugspflege aus, daß jeder Examierte alles kann, an jeder Stelle im Stationsablauf gleichwertig einsetzbar ist und seine pflegerischen Aktivitäten verantworten kann, weil er über ein berufsspezifisches Erfahrungswissen verfügt, das ihm in einer dreijährigen Ausbil-dung vermittelt wurde. Und genau das macht dann auch die Profes-sionalität des Berufes aus, daß nämlich jeder Pflegende durch den anderen (prinzipiell) ersetzbar ist, ... mit großen Vorteilen nicht nur für die Pflegenden, sondern - nicht zuletzt angesichts der Arbeitszeitverkürzung etc. - für die Patienten! .... Dagegen baut das System der Primary Nurse sehr stark auf die besonderen Fähigkeiten einzelner Pflegender.
Indirekt legitimierte das englische Modell von vornherein den Einsatz und die Einstellung von Pflegehilfskräften. Ich möchte aber vielmehr dreijährig Examinierte von vornherein eingestellt wissen, um so auch die Pflegequaltät sicherer zu stellen. Ich habe die Erfahrung auf den Stationen gemacht, daß wir nicht nur Hände (Hilfskräfte) brauchen, sondern vor allem Köpfe (Team von examinierten Schwestern). So läßt sich erstens effizienter arbeiten und zweitens Bezugspflege wirklich durchführen!
Bezugspflege bedeutet doch zunächst einmal auch: Weg von der Funk-tionspflege! In einem weiteren Schritt geht es dann darum, den Be-dürfnissen des Patienten dadurch gerechter zu werden, daß nicht viele Pflegende in einer Art Hierarchie an ihm hantieren, sondern daß nur wenige Bezugspersonen da sind, die alle notwendigen pflegerischen Tätigkeiten mit dem Patienten tun, so daß zugleich ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden kann, wel-ches für die Gesundung sehr wichtig ist.
Dieses Vertrauensverhältnisses darf sich aber nicht allein auf die Persönlichkeit der Pflegeperson gründen, sondern das Vertrauensver-hältnis baut sich beim Patienten dadurch auf, daß er erstens nicht viele verschiedene Gesichter neu kennenlernen muß und zweitens da-durch, daß er die Gewißheit haben kann, daß die wenigen Personen die pflegerisch für ihn tätig sind, ihre Arbeit (Beruf: Pflege) (zumindest annähernd) gleichermaßen gut  verstehen und ausüben. (Wenn Schwester/Pfleger A plötzlich krank wird, dann ist eben   Schwester/Pfleger B da, die der Patient auch kennt und der er ver-traut.)
Diese  Merkmale von Professionalität (Austauschbarkeit, Ausbil-dung, berufsspezifisches Wissen) können m.E. durch das englische Modell nicht in gleicher Weise realisiert werden wie es ein deutsches Team-WÖrk-Modell könnte.

Niemand ist unersetzbar! Wir müssen lernen zu akzeptieren, daß wir alle ersetzbar sind.

Michael Thomsen (Geschrieben 1993)

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