Katarina Planer

Professionelle Pflege ist ein vielseitiges, gesellschaftlich weitreichendes und zukünftig wichtiger werdendes Geschäft. Gleichzeitig äußerst komplex und undurchschaubar, ergeben sich an vielen Fronten des Gegenstandsbereichs unterschiedlichste Klärungsbedarfe. Die immer noch junge Pflegewissenschaft hat es bisher noch nicht wirklich geschafft, ein klar konturiertes Profil zu entwickeln. Die Ergebnisse sind eher bescheiden und es gibt noch viel zu beackern.

 

Der Theorie-Praxis-Transfer lässt einiges zu wünschen übrig und einige Sackgassen der pflegewissenschaftlichen Entwicklung zeichnen sich immer deutlicher ab. Insbesondere die unkritische Adaptation der bedürfnisorientierten Pflegetheorien, allen voran Monika Krohwinkel, kann Kenner der Szene kaum überzeugen. Ein Umdenken, eine Neuausrichtung und der Mut, neuen Wegen und Forschungszweigen zu folgen, ist ernsthaft gefordert.

 

Vor diesem Hintergrund erscheint das Buch von Katarina Planer als wohltuende Blickwinkelveränderung. Sie nähert sich äußerst angemessen und jederzeit nachvollziehbar der Komplexität des Gegenstands aus systemtheoretischer Perspektive. Sie argumentiert kenntnisreich und vielschichtig sowohl auf wissenschaftstheoretischer, bzw. pflegewissenschaftlicher als auch auf berufspolitischer und pflegepraktischer bzw. –organisatorischer Ebene.

 

Ihr Credo in Abwandlung des Untertitels: Neue Wohnformen oder Versorgungsformen sind sinnvoll und dringend geboten, die Auflösung der Heime tradierter Form zeichnet sich ab. Solche neuen Formen bedürfen neuer Konzepte! Eine Deprofessionalisierung der Pflege kann nur verhindert werden, wenn theoretisch begründbare und wissenschaftlich fundierte Konzepte entwickelt und strategisch geplant in den Köpfen und Herzen der Pflegenden und der von Pflege betroffenen (Familien) verankert werden können.


Ausgangslage

 

 

 

In den letzten Jahren haben sich – forciert durch die Publikationen des KDA – die alternativen Angebote für Pflegebedürftige erweitert. (vgl,. S.13)

 

 

 

Dabei orientieren sich diese fast ausschließlich an „organisatorischen Aspekten wie Raumkonzept und Ablaufgestaltung des Alltagslebens“ (S. 14). So werden solche Wohnformen häufig aus dem Boden gestampft, ohne ein Konzept für Pflege und Betreuung bereit zustellen. Allerdings muss man auch feststellen, dass es scheinbar keine greifbaren Konzepte gibt, die pflegewissenschaftlichen Kriterien hinreichend und passgenau genügen.

 

Relativ blauäugig werden Präsenz- und Pflegekräfte in solche Projekte entlassen, ohne dass klar wird, was erreicht werden soll, warum, was, wie und mit wem gemacht werden soll. Dermaßen kopf- und orientierungslos steuern viele wohlgemeinte Wohn- oder Hausgemeinschaften auf eine Schiene, die speziell die Pflegekräfte auf lange Fruststrecken mit ständiger Überforderung und Legitimationsvakuen führt.

 

Wie kann man auf diese Züge aufspringen? Welche Bahnhöfe, Ausweichstrecken, Routen können entworfen werden, damit der Zug nicht vor die Wand fährt?

 

Die Beantwortung dieser Frage ist eigentlich leicht. Wenn es sich um ein pflegerisches Setting handelt (und das tut es zweifelsohne), dann muss ihm möglichst rasch und am besten schon vor der eigentlichen Planungs- und Bauphase ein konzeptioneller Rahmen gegeben werden, auf den sich alle Beteiligten verständigen können. (vgl.: S.14) Deutlich wird aber, dass die tradierten pflegetheoretischen Modelle nicht geeignet sind, die neuen Pflegeformen und Settings schlüssig zu begründen. (vgl. S.8) Verspätungen im Zugverkehr und unzufriedene Kunden und Mitarbeiter sind vorprogrammiert.

 

In Rückgriff auf „das systemtheoretische Modell der familien- und umweltbezogenen Pflege“ (S.41) von Marie-Luise Friedemann stellt Katarina Planer sehr praxisnah einen theoretischen Rahmen für eine mögliche Konzeptentwicklung vor.


Herausforderungen

 

 

 

Nüchtern und folgerichtig beschreibt Katarina Planer wie die demografischen, sozialen und kulturellen Entwicklungen der nächsten Jahrzehnte geradezu dazu zwingen, „die Strukturen, Konzepte und Schnittstellen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung weiterzuentwickeln“ (S.16). Vor dem Hintergrund schwindender personeller und finanzieller Ressourcen gilt es, das „Leistungspotenzial der Angehörigen und Freiwilligen in den Prozess der Versorgung zu integrieren“ S. 16)

 

Bisher wurden solche potentiellen Wege kaum weitergedacht, da speziell das Thema „Gesundheit“ insgesamt eher reduktionistisch in Richtung Rehabilitation und Leistungsfähigkeit betrachtet und auf das einzelne Individuum begrenzt wurde. Sieht man den Menschen aber im Kontext seiner Umwelt und Lebensgeschichte mit der systemtheoretischen Brille an, wird schnell klar, dass Gesundheit des einzelnen auch in der Rückkopplung zu seiner Umgebung speziell vor dem Hintergrund von Abhängigkeit und Pflegebedürftigkeit weitere Dimensionen hat, die als nicht unerhebliche Einflussgrößen stets einzubeziehen sind. Folgerichtig passt vor diesem Setting Planers Aussage: „Darüber hinaus ist zu erwarten, dass es für die Familiengesundheit förderlich ist, wenn familiäre Sorge auch in einer stationären Einrichtung weiterhin praktiziert werden kann.“ (S. 16)

 

Wenn viel weniger Menschen in ein traditionelles Heim wollen, als es zur Zeit und wohl auch zukünftig müssen, weil die entsprechenden Versorgungsformen fehlen, dann sind speziell die professionell Pflegenden herausgefordert, erste Lösungsansätze wie Wohn- und Hausgemeinschaften vor allem konzeptionell weiterzuentwickeln. Im Bereich der Langzeitpflege entstehen immer höhere und vielschichtigere Bedarfe, denen bisher relativ wenig differenzierte und konzeptionell gestützte Angebote entgegen stehen.

 

 

 

Die Integration familiärer Hilfe und freiwilligen Engagements scheitert zum einen deswegen, weil konzeptionelle Überlegungen fehlen, es ist schlichtweg nicht vorgesehen oder es wird a priori unterstellt, es sei gar nicht gewollt. Andererseits fordern verschiedene Gesetze (vgl. S. 18ff) wie zum Beispiel das Altenpflegegesetz (2003) geradezu dazu heraus, nicht nur in der reinen Durchführung direkter Pflege, sondern besonders durch Beratung, Anleitung und Unterstützung familiäre Gesundheit zu entwickeln zu helfen.

 

Eine effektivere Nutzung von Angehörigen- und Freiwilligenengagement und damit das strategische und gezielte Einbeziehen solcher Ressourcen erfordert darüber hinaus eine veränderte Berufspolitik, die neben der Vernetzung den Aspekt der Beratungskompetenz von Pflegenden größere Bedeutung zumisst.

 

Allerdings werden die dafür notwendigen Energien  derzeit in eine Richtung gelenkt, die durch Zentralisierung und Gleichschaltung von Einrichtungen verhindern, dass „spezifische, regionale, und damit wohnortnahe, aufeinander abgestimmte Wohn- und Versorgungsangebote“, die gezielt familiäre und andere Ressourcen aufgreifen und stimulieren, entwickelt werden. (S. 20)

 

Das Altenpflegeheim wird es zukünftig nicht mehr geben können, wenn wir an einer den Bedürfnissen der Betroffenen orientierten Pflege interessiert sind.“ (S. 21)

 

Die neuen Wohnformen werden also sowohl in Richtung ambulanter wie stationärer Träger greifen müssen, um soziale Isolation zu verhindern. Ein bewusstes Entegegenwirken der gesellschaftlichen Vereinzelung berücksichtigt dabei die Tatsache, dass Familie heute nicht mehr nur auf verwandtschaftliche Verhältnisse reduziert bleibt. Aber das Verhindern sozialer Isolation ist auch pflegerische Herausforderung und Aufgabe und ist nicht allein mit Beziehungsgestaltung und Veranstaltungsangeboten zu verhindern, sondern muss Familie und Bezugspersonen stärker als bisher mit einbeziehen.

 

 

 

Wie nun selbstbestimmtes Leben / Gepflegtwerden tatsächlich aussieht, ist individuell höchst verschieden. Von daher lässt sich auch das allenthalben postulierte Normalitätsprinzip nicht zum Maßstab oder Leitprinzip erheben.

 

Zwar abhängig und eventuell pflegebedürftig, aber selbstbestimmt und sozial integriert, so stellen wir uns idealiter die Situation im Pflege- und Betreuungsbetrieb vor. Sicherlich steht die Frage im Raum, wie sich Selbstbestimmung zum Beispiel bei fortgeschrittener Demenz darstellen kann und sollte. Hier gibt es vieles zu forschen und zu diskutieren.

 

Schon das Etikett „dement“ entzieht sich der Definition des Normalen. Das Maß an Beteiligung an hauswirtschaftlichen Tätigkeit etwa kann kein Leitgedanke sein  für ein Pflege- und Betreuungskonzept von alternativen Wohnformen.

 

Allerdings lohnt auch hier ein Wechsel der Blickrichtung. „Im Fokus des sozial-pflegewissenschaftlichen Interesses stehen das soziale System als Dyade der pflegebedürftigen Person und deren Pflegeperson.“ (S. 27) Die Pflegewissenschaften krankten daran, ihrer Geschichte zu folgen und auf der Mikroebene den Menschen einer Monade gleich  als beobachtbares, sich verhaltendes, lebendes System zu betrachten. In Anspielung auf Habermas möchte ich hier auch von einem „szientistischen Selbstmissverständnis“ (vgl.: Habermas: Erkenntnis und Interesse, ...S. 300 ff.) der Pflegewissenschaften sprechen. Speziell in der Krankenpflege ist sicherlich auch der medizinisch-naturwissenschaftliche Blick vonnöten, aber was Pflege eigentlich und in der „Versorgung“ chronisch Kranker in besonderer Weise auszeichnet, ist „die gelingende Gestaltung sozialer Beziehungen“ (S. 23). Stellt man diese Sichtweise in den „Mittelpunkt einer menschlichen Pflege“ (ebenda), bietet sich das Leitbild „Familie“ in besonderer Weise an und die gelingende, bewusst gewollte und geplante Einbeziehung von Angehörigen kann wieder als  Entlastung und Bereicherung erfahren werden und nicht als Störfaktor oder gar Bedrohung. Dies impliziert ein Pflegeverständnis, das „die Angehörigen der Bewohner als einen die Gesundheit beeinflussenden Faktor wahrnimmt.“ (S. 26) Diese Gestaltungsaufgabe (!) ist Pflegenden dann eigen, muss von ihnen konzeptionell entwickelt werden und kann nicht anderen Berufsgruppen übertragen werden.

 

 

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