Was ist das leitende Erkenntnisinteresse der Pflege?

 

 

 

Etwas zur Sprache bringen zu können, ist gewiss die größte, zumindest wertvollste Leistung des Menschen und es ist seine bedeutendste Ressource. Ein wissenschaftlicher Abschlussbericht, ein mitreißender Roman ebenso wie ein gelungener Gesetzestext, eine politische Rede oder das Protokoll eines Beratungsgesprächs sind Dokumente dieser Feststellung. Aber auch die kleine Geste, die Berührung oder der Blick sind entweder gelungene oder vergebliche Sprachäußerungen. Alles ist Kommunikation. Neu ist, dass wir allmählich erkennen, dass wir selbst verantwortlich sind, ob und wie unsere Botschaften beim anderen ankommen.

 

Hinter diesem Leistungsvermögen des Menschen schlummert seine Utopie, darin ist der Weg zu Freiheit und Wohlbefinden verborgen; ein sokratischer Weg gewissermaßen. Erst indem wir darüber sprechen, befreien wir uns. Ein stetes Voranschreiten hin zu dem Ziel, dass Unbewusstes bewusst, blinde Flecken sichtbar gemacht, unklare Begriffe geklärt und die Verständigung von Bedeutungen in Gang gebracht wird, kann nur mit und an der Sprache und in einer Beziehung zueinander gelingen. Aber miteinander reden will gelernt sein, damit der Informationsaustausch eine tragfähige Brücke ist und nicht ein unüberwindbarer, reißender Strom. Es muss also beharrlich und umsichtig an der Brücke gearbeitet werden.

 

 

 

Wenn es gelingt, mit der Sprache unsere unterschiedlichen Landkarten desselben Gebiets zur größtmöglichen Deckung zu bringen, entsteht Beziehung. Und um die Beziehung im pflegerischen Prozess soll es gehen. Allmählich setzen sich Pflegemodelle durch, die die wahre Bedeutung der Pflegebeziehung für die Salutogenese erkennen. Besonders die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte im Bereich der Neurobiologie untermauern diese Aussage. Um diese Dimension des Pflegeprozesses nachhaltiger und für die am Prozess beteiligten in einer befriedigenderen Art und Weise umsetzen zu können, bedarf es zunächst einmal einer entscheidenden Veränderung der Sichtweise auf den Gegenstandsbereich „Pflege“. 

 

Darüber hinaus muss konstatiert werden, dass der Gegenstandsbereich „Pflege“ nicht losgelöst betrachtet werden kann von den Systemen, mit denen er verbunden ist. Es wird immer deutlicher, dass insbesondere die Organisation von Pflege und die darin verankerten Strukturen Einfluss nehmen auf das konkrete Pflegegeschehen. Wenn beispielsweise die Art und Weise des kommunikativen Umgangs verschiedner Hierarchieebenen der Institution Altenheim korrupt, autoritär oder beliebig sind, dann wirkt sich dies auch auf  den realen Pflegeprozess aus.

 

Eine besonders verantwortungsvolle Rolle spielen hier Leitungsmitarbeiter. „Der Fisch stinkt immer vom Kopf!“  heißt ein Sprichwort. Menschen neigen dazu, sich an Vorbildern zu orientieren. Da lohnt sich die Investition in Führungsstrukturen, die am Ende ein nachhaltiges, auf Vertrauen und Erfolg ausgerichtetes Miteinander generieren können.

 

Was können wir also tun, um Pflegebeziehungen professionell erfolgreich und dennoch menschlich zu gestalten?  Welche Aspekte sind bei der Gestaltung der Beziehung innerhalb des Pflegeprozesses zu berücksichtigen? Welche Instrumente stehen zur Verfügung? Welche Rahmenbedingungen können geschaffen werden?

 

 

 

 

Was ist das leitende Erkenntnisinteresse der professionellen Pflege? Hier erscheint mir der Rückgriff auf die Einteilung der Erkenntnisinteressen bei Jürgen Habermas durchaus hilfreich.

 

 

 

 

Technisches Erkenntnisinteresse

Praktisches Erkenntnisinteresse

Emanzipatorisches Erkenntnisinteresse

Ziel

Vorhersage, Kontrolle

Verständnis, Einvernehmen

Rapport

Freiheit, Klarheit (Ideologiekritik)

Methode

Empirisch-analytisch; Erklären
(Naturgesetzte)

Instrumentalisierung

Historisch-hermeneutisch; Verstehen
(Normen und Werte)

 

Kritisch; Durchschauen
(Transzendenz, Utopie)

Wissenschaft

Naturwissenschaft, Medizin

Geisteswissenschaften

(Psychotherapie)

Sozialwissenschaften, Philosophie

Rationalität

Zweckrationalität, Naturbeherrschung, Effektivität, Effizienz

Instrumentelle Vernunft

Verständigung, Gelingende Praxis

Emanzipation, Wohlbefinden

Gegenstand

Sache, Körper,

Es

Hier und Jetzt, Geist, Gefühle, Ich-Du-Beziehung

Team, Gesellschaft

Pflege

Arztassistenz, Helfer

Begleitung, Betreuung

Präsenz

Heilung, Gesundheit

Erfolg als Win-Win

 

 

 

 

 

Die Frage, wo eigentlich professionelle Pflege im Konzert der Wissenschaften und Professionen zu verorten sei, konnte solange nicht gelingen, wie es ein klares Bewusstsein ihres Gewordenseins nicht gab und wie sie gefangen blieb in den Bildern von Arztassistenz und Übernehmer von Selbstpflegetätigkeiten. Die eindimensionale Ausrichtung auf Gesundheit im Sinne von Wiederherstellung, Funktionieren, Leistungsfähigkeit und Können versperrte lange den Blick auf das tatsächliche Geschehen im Rahmen dessen, was Pflegealltag bedeutet.

 

 

 

Erst musste Pflege sich ihrer reduktionistischen Denkschablone bewusst werden, bevor sie erkannte, welches ihr wahrer Gegenstandsbereich ist. Nicht Defizitausgleich oder Schadensabwehr, auch nicht körperliche oder geistige Genesung sind das Feld des Pflegeprofis. Zwar kann er auf diesem Feld Risiken identifizieren, Pflegediagnosen benennen und Hilfebedarfe erkennen, kann ihnen mit Mitteln der Zweckrationalität entgegentreten, akut etwa das Selbstpflegedefizit kompensieren oder den chronisch Kranken helfen, physiologische Grundbedürfnisse zu befriedigen. In diesem der Pflegebeziehung zugrunde liegenden Abhängigkeits-Unabhängigkeitskontinuum ist er verantwortlicher Helfer. Diese Rolle ist gemeinhin klar definiert. Allerdings hat er damit noch nicht geklärt, inwieweit die erbrachten Leistungen im Einklang sind mit dem Erleben des Hilfebedürftigen, noch nicht reflektiert, in welcher Phase der Pflegebeziehung sich der Kranke befindet, welche Bedeutungen das Geschehende für ihn hat. Seine eigentlichen Aufgaben und Bestimmungen sind damit also noch gar nicht in den Blick geraten.

 

 

 

Nicht der Hilfebedarf – auch nicht das Risiko – ist das Problemfeld professioneller Pflege und damit also Gegenstand seiner selbstreflexiven Arbeit, sondern die Antwort des „Pflegebedürftigen“ auf seine Gefühle im Kontext solcherart Pflegebeziehung. Abhängigkeit nämlich, Verlust von Autonomie, Scham und Verlust von Selbstwertgefühl oder fortschreitende Desorientierung behindern möglicherweise den Pflege- und Heilungsprozess und befeuern den Leidensdruck des Pflegebedürftigen.

 

 

 

Kann der Pflegeprofi Befindlichkeit des Pflegebedürftigen zum Klingen bringen, ihr also eine Sprache geben, werden Entwicklungen und Lösungen möglich. Etwas einvernehmlich zur Sprache gebracht zu haben, immer wieder neu zu besprechen, führt beide auf die Erfolgsstraße. Der eine fühlt sich verstanden und angenommen, so dass zusätzliche Motivation entsteht; der andere erlebt den Erfolg als positive Rückmeldung seines Verstehensbemühens, gewinnt Freude an seiner Tätigkeit.
Wo aber die Pflegenden an die Grenzen der digitalen Sprache stoßen, wie beim Säugling oder beim Demenzkranken, da sind sie in noch weit größerem Maße gezwungen, die Verantwortung für die gelingende Kommunikation zu übernehmen und die Tür aufzustoßen, um eigenes und fremdes Kommunikationsverhalten in Einklang zu bringen, einen Draht zu bekommen zum Kunden. Sie müssen auf  sprachliche Äußerungen achten und 93 % des Wahrnehmbaren ist eben nicht Sachaussage, sondern Klang der Stimme, Mimik, Gestik, Körpersprache.

 

 

 

Wo also die Würde des Menschen eindimensional im Sinne von Handlungsfähigkeit, Beherrschung und Autonomie gesehen wird, wird ihre Würde aber „in erschreckender Weise (der) menschlichen Solidarität entzogen. .... Das abhängige, hilflose und angewiesene Individuum wird zum Skandal und mit der Maske der Autonomie getarnt. An der Oberfläche ist kaum mehr wahrnehmbar, dass sich unter dieser Maske der Wunsch verbirgt, von anderen geachtet zu werden.“[1]

 

Schon 1989 stellte Hans Peter Kitzig fest: „Das Berufsbild der „Krankenpflege“ ist leider mehr und mehr medizinischem Fachwissen geopfert worden. Daran wird sich wohl auch wenig ändern, so lange wir allesamt dem Irrglauben von der perfekten organisatorischen Beherrschbarkeit allen Leidens verfallen bleiben, demzufolge sogar der Tod zum „Betriebsunfall“ ... werden könnte: ...“[2]

 

„So meinen wir denn, dass es uns allen recht gut tun würde, wenn wir uns des schlichten Sinns von Pflege am Kranken und Behinderten erinnerten; wenn wir dies tun würden, ohne sogleich dem ehrgeizigen Streben nach Endgültigem, nach Heilung und Genesung verfallen müssen.“[3]

 

„Was eigentlich hindert uns, den „Sinn der Pflege“ kranker und behinderter Menschen wieder zu entdecken, eine Aufgabe, die sich einerseits der Abwehr störender und schädlicher Einflüsse, andererseits aber vor allem der lebhaften Förderung innewohnender gesunder Potenzen zuwendet?“[4]

 

 

 

 

14 % der Altenheimbewohner haben keine Verwandten. Nur etwa ein Drittel der Menschen im Altenheimen werden gelegentlich oder regelmäßig von Angehörigen oder Freunden besucht! Das heißt, dass etwa 2/3 der Heimbewohner keine Besuche von verwandten Angehörigen erhalten.

 

Daraus lässt sich im Weiteren schlussfolgern, dass die allermeisten Menschen, die in eine stationäre Einrichtung einziehen, auf eine Art der Beziehungsgestaltung angewiesen sind, die ihre Integration gelingen und ihr persönliches Wohlbefinden verbessern lassen. Dabei ist nicht allein der objektive Gesundheitszustand für die subjektiv empfundene und erlebte Gesundheit maßgeblich, sondern wie darüber hinaus die neueste neurobiologische Hirnforschung nachweisen kann, sind gerade positiv erlebte Beziehungserfahrungen besonders gesundheitsfördernd.

 

 

 

Nicht die Anzahl enger Beziehungen stellt dabei einen wichtigen psychischen Schutzfaktor dar, sondern eher die Qualität in der Vertrauensbeziehung zu einer Person. Zwar können negative soziale Beziehungen eben so gut zur Quelle chronischer Belastungen werden, aber ohne Beziehung und positive Erfahrungen geht es nicht. Enge, positiv erlebte Beziehung trotz objektiven Leiden hat also einen positiven Effekt auf die subjektive Gesundheit.

 

Wenn sich die Kontaktmöglichkeiten eines Menschen erheblich reduzieren und enge Freunde oder Verwandte nicht als vertrauter Kommunikationspartner zur Verfügung steht, kann die Unterstützung durch eine Person, der man volles Vertrauen schenkt, beispielsweise das Entstehen einer Depression verhindern.[5] Diese Funktion übernehmen in der Regel enge Verwandte oder Freunde. Wo aber diese Art gewachsener Beziehung verloren gegangen ist, wird es für die betroffene Person sehr viel schwieriger, in einer neuen und ungewohnten Umgebung Vertrauen aufzubauen.

 

Badura[6] hat die Beziehungen zwischen Menschen in vier Stufen sozialer Integration eingeteilt:

 

- Confidantbeziehnung: Als Confidant wird ein Mensch bezeichnet, dem man

 

unbedingt vertraut und mit dessen Hilfe man jederzeit rechnen kann.

 

- Enge Beziehungen: Die Enge der Beziehungen kann von der Häufigkeit der

 

Interaktion, aber auch von der Intensität positiver Gefühle oder sozialer

 

Wertschätzung.

 

- Eher oberflächliche Bekanntschaften: Man kennt sich, es besteht aber nur ein geringes Maß an gegenseitiger Verpflichtung.

 

- Keine informellen Beziehungen: Dies bedeutet eine meist soziale Isolation

 

und dadurch ein Wegfall an informeller Unterstützung.

 

Die Häufigkeit insbesondere außerinstitutioneller Sozialkontakte sowie die Qualität der Sozialkontakte hat einen maßgeblichen Einfluss auf  das Wohlbefinden der Bewohner.

 

 

 

Der Umzug ins Altenheim bedeutet neben mannigfaltigen Verlusterfahrungen hinsichtlich der materiellen Umgebung oftmals auch einen Abschied von der vertrauten Beziehungen zu Nachbarn oder Angehörigen. Die Angehörigen und Freunde sind vorerst der zwar reduzierte aber einzige vertraute Bezugspunkt in dem neuen Lebensabschnitt und repräsentieren ein Stück der früheren Lebenswelt und Kontinuität für die alten Menschen. Die Zusammenarbeit mit ihnen ist also eine wichtige Ressource, um den Prozess neuartiger Beziehungsgestaltung mit dem Ziel des Aufbaus von Vertrauen und Sicherheit gelingen zu lassen.

 

 

 

 

Die personbezogene Dienstleistung und die Interaktionsarbeit der Altenpflege hat im besonderen Maße mit Gefühlen und Emotionen zu tun. Ob der Umgang damit als eher negativ oder positiv erlebt wird, wird nicht zuletzt durch die Rahmenbedingungen mitbestimmt.

 

Erwiesen ist, dass Entscheidungs- und Handlungsspielräume wichtige Einflussfaktoren in Bezug auf  die emotionalen Anforderungen darstellen. Ein organisatorisches Ziel der Einrichtungen ist daher die Klärung von Verantwortungs- und Handlungsfreiräumen des einzelnen Mitarbeiters. Neben einem gemeinsamen Pflegeverständnis sind dabei die  persönliche Entwicklung durch Lern- und Fortbildungsmöglichkeiten in der Arbeit und die Möglichkeit zur regelmäßigen Reflexion unabdingbare Voraussetzungen.[7]

 

Veränderter Pflegeprozess

 

Nicht die offenkundigen Defizite und Funktionseinschränkungen oder Probleme sind Ausgangspunkt der planerischen Betrachtung, sondern die Ressourcen und Bedürfnisse der Person. Ein derartig verstandener Pflegeprozess orientiert sich an der Erlebenswelt und der Biografie. Entscheidend sind nicht therapeutisch-medizinische Ziele, sondern die Bedürfnisse und vermeintlichen Lebensziele der demenzkranken Person. Diese Grundhaltung führt wiederum zu einem Pflegehandeln auf der Basis der Bedürfnisse, das sich stets reflexiv auf Vereinbarungen mit dem Bewohner oder auf Umgangsempfehlungen des Pflegeteams beruft. Indem diese und die tatsächliche Pflegehandlung immer wieder reflektiert, besprochen und dokumentiert werden, wird die geplante Pflege begründet und nachvollziehbar.

 

 

 

Tom Kitwood: Demenz, Der person-zentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen, 5., ergänzte Auflage 2008, Bern: Verlag Hans Huber

 

 

 

Joachim Bauer: Warum ich fühle, was du fühlst, München: 12.Aufl. 2006

 

 

 

Martin Buber: Ich und Du, Stuttgart: Reclam, 1995

 

 

 

Klaus Dörner / Ursula Plog: Irren ist menschlich, Bonn: 5. Aufl. 1989

 

 

 

Erich Schützendorf: Weniger wird mehr sein, in: Dr. med. Mabuse 171,  Januar/Februar 2008, S.30ff.

 

 

 

Martin Teising: Zwischen Autonomie und Abhängigkeit, in: Dr. med. Mabuse 179, Mai/Juni 2009, S.37ff.

 

 

 

Britta Maciejewski, Christine Sowinski, Klaus Besselmann, Willi Rückert: Qualitätshandbuch Leben mit Demenz, Köln: Kuratorium Deutsche Altershilfe, 2001

 

 

 

Sven Lind: Demenzkranke Menschen pflegen, 2. korr. und erg. Aufl. 2007, Bern: Verlag Hans Huber

 

 

 

Hans Peter Kitzig: Zur Psychiatrie des chronisch Kranken – Eine Festschrift
zu Ehren von Prof. Dr. Med. Hans Peter Kitzig, Osnabrück 1989

 

 

 

Badura, Bernhard (1981b): Zur sozialepidemiologischen Bedeutung sozialer

 

Bindung und Unterstützung. In: Badura, Bernd (Hrsg.): Soziale Unterstützung und chronische Krankheit. Zum Stand sozialepidemiologischer Forschung. Frankfurt a.M.:13-39

 

 

 

Bengel, Jürgen (2001): Was erhält den Menschen gesund?: Antonovskys Modell der Salutogenese – Diskussionsstand und Stellenwert; eine Expertise im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Köln

 



[1] Martin Teising: Zwischen Autonomie und Abhängigkeit, in: Dr. med. Mabuse 179, Mai/Juni 2009, S.38

[2] Hans-Peter Kitzig: ...., S. 28

[3] Ebda: S. 62

[4]  Hans-Peter Kitzig: ... S. 188

[5] Vgl.: Badura: 1981, S.22f.

[6] Vgl.: Badura: 1981, S.28ff

[7] vgl. Maurus/Brater, 1995, S. 11ff

 

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