Positionen zur Pflege

Position zu Versorgungsformen und zur Refinanzierung pflegerischer Dienstleistungen

 

 

 

Dem wachsenden Markt pflegerischer Dienstleistungen gilt es ein sozial verträgliches, nachhaltiges und vor allem erweitertes Refinanzierungskonzept gegenüberzustellen, wenn wir nicht wollen, dass unhaltbare Zustände und Versorgungsnotstände zunehmen.

 

 

 

1.             Wertediskussion:
Die Frage, was uns das Alter(n) wert ist, ist angesichts der demografischen Entwicklung neu zu beantworten! Hier sind Politik und Gesellschaft herausgefordert. Danach wären dann Refinanzierungslösungen auszurichten – nicht umgekehrt! Denn solange die Beantwortung dieser Frage dem Diktat des Faktischen unterliegt, bleiben Alternativen der Finanzierung von vornherein ausgeblendet.

 

2.             Demografieabgabe:
Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung wird immer offenkundiger, dass die Grenzen des Subsidaritätsprinzips und der Laienpflege in einer privatwirtschaftlich organisierten Gesundheitspolitik längst erreicht sind. Bei zunehmend mehr Menschen reichen die bis zur eintretenden Pflegebedürftigkeit privat aufgebrachten Mittel (finanzielle Ressourcen, Einkommen) sogar bei relativ kontinuierlicher Erwerbsbiografie nicht mehr aus. Bleibt zu fragen, warum ein Solidaritätsbeitrag oder die Bankenhilfe humaner oder systemrelevanter sein sollen als ein höherer Beitrag zur Pflegeversicherung? Was spricht dagegen, den Solidaritätsbeitrag befristet in eine „Demografieabgabe“ umzuwandeln oder Unternehmen, die im Rahmen des boomenden Marktes besonders gut verdienen (z.B. Pharmaindustrie, Home-Care, etc.), auf einen erhöhten Beitrag für die Pflegekassen zu verpflichten?

 

3.             Weitere Wertschöpfungspotentiale:
Man wird nicht mehr ausblenden können, dass es neben der menschlichen Arbeitskraft noch weitere Wertschöpfungspotentiale und Vermögen gibt, die durchaus verpflichtend dem staatlichen Zugriff geöffnet werden sollten. Hier haben Staat und Politik ähnlich wie in einem Unternehmen wirtschaftliche Verantwortung. Sie müssen so viel einnehmen, wie auf der anderen Seite ausgegeben werden muss. Mittlerweile erklären sich sogar vermögende Menschen bereit, höhere Steuern zu bezahlen.

 

4.             Grenzen der Laienpflege:
Es sei nicht genügend Geld für eine angemessene und menschenwürdige Pflege vorhanden bzw. könne aus den bisherigen Einnahmequellen nicht zur Verfügung gestellt werden, heißt es.  Fast alle politischen Richtungen bauen daher auf Eigenvorsorge und darauf, dass familiäre und andere soziale Netze das Problem der steigenden Pflegenachfrage durch – und vor allem - freiwilliges und ehrenamtliches Engagement lösen sollen. Im Jahr 2050 werden etwa 40 % der Bevölkerung über 60 Jahre alt sein. Bei den über 80-Jährigen werden etwa 31 % pflegebedürftig sein. Der Anteil der pflege- und betreuungsbereiten und -fähigen Angehörigen und Nachbarn schwindet, da es sich viele schlichtweg nicht mehr leisten können, unbezahlte Dienste zu erbringen oder weil es immer weniger Menschen gibt, die das auch können, selbst wenn sie wollten! Das heißt, dass wir diese Grenzen der Laienpflege nicht übersehen dürfen. Die Vereinzelung einer flexibleren Gesellschaft zeigt sich in der Abnahme von Mehrgenerationenfamilien sowie in einer Zunahme individualisierter Lebensentwürfe. Immer weniger alte Menschen können also auf bewährte Netzwerke durch Familie, Verwandtschaft und Nachbarschaft zählen. Die Notwendigkeit der Erwerbstätigkeit der Frauen hat in den letzten Jahren zugenommen und wird weiter steigen. Die entscheidende Gruppe hinsichtlich kostengünstiger Angehörigenpflege sind die 50- bis 70-jährigen Frauen. Dieses weibliche Pflegepotenzial wird sich in den Ländern der Europäischen Union bis zum Jahre 2030 um 25% verringern. Schon jetzt sind 60 % der Pflegepersonen im ambulanten Bereich über 55 Jahre! Die Angehörigen können nicht länger als unermessliche Reservearmee für pflegerische Dienstleistung betrachtet werden. Wichtiger ist es daher, die professionellen Pflegeanbieter finanziell und materiell ausreichend auszurüsten.

 

5.             Neue, kreative Konzepte
Neue, kreative Konzepte im Bereich stationärer, teilstationärer und ambulanter Versorgungsstrukturen gehören zügiger entwickelt und durchgewunken und dürfen nicht schon an bürokratischen Hürden und am Gesetzesdschungel scheitern. Die Initiatoren und Implementierer solcher Konzeptideen gehören gefördert. Für ehrenamtliche Tätigkeit und Netzwerkarbeit und Ausbau komplementärer ambulanter Versorgungsformen (z.B. Einkaufsdienste, Hol- und Bringedienste) müssen zusätzliche Anreize geschaffen werden.

 

6.             Der Beitragssatz zur gesetzlichen Pflegeversicherung muss deutlich erhöht werden!
Schon heute gibt es nicht genügend Menschen, die bereit sind, in einem Pflegeberuf zu arbeiten. Und bisher wurden sie auch verhältnismäßig schlecht entlohnt, geschweige denn wertgeschätzt. Die Ausfallquote und die Berufsflucht in den Pflegeberufen liegen deutlich über dem Durchschnitt. Um einem weiteren Fachkräftemangel entgegen wirken zu können, bedarf es zusätzlicher Verbesserungen der Arbeitsbedingungen und verbesserter finanzieller Anreize.

 

7.             Möglichst einheitliche und vor allem kostendeckende Pflegesätze zur Sicherung einer menschenwürdigen Pflege im stationären Bereich erfordern geradezu eine deutliche Anhebung der Beiträge für die einzelnen Pflegestufen, damit ein Heimplatz für die Menschen bezahlbar bleibt und die kommunalen Sozialkassen nicht noch weiter belasten.

 

8.             Präventive Maßnahmen zur Verringerung der Gesundheitskosten im Alter und eine breite Aufklärung der Bevölkerung über das Leistungsspektrum im Bereich Pflege und Betreuung sollten ausgebaut werden.

 

9.             Verbesserung der medizinisch-ärztlichen Versorgung in den Heimen:
Die bestehende medizinisch-ärztliche Versorgung entspricht häufig nicht den fachlichen Erfordernissen, verursacht hohe Kosten und bindet unnötig Ressourcen von Pflegemitarbeitern. Bislang werden Maßnahmen der Behandlungspflege nicht berücksichtigt bzw. honoriert. Durch eine verbesserte geriatrische und gerontopsychiatrische Aus- und Fortbildung der Hausärzte oder kreative Heimarztmodelle  können nicht nur Kosten für die Heime und das Gesundheitswesen gesenkt werden, sondern darüber hinaus die Situation der ärztlichen Versorgung insbesondere im ländlichen Raum entschärft werden.

 

10.         Mehr Spielraum für stationäre Einrichtungen:  
Die Alten- und Pflegeheime brauchen angesichts der gedeckelten Pflegesätze einerseits und der zunehmend prekären, wirtschaftlichen Situation andererseits mehr Spielraum. Belegungsvakanzen sollten über den Pflegesatz bis zu einem gewissen Grad abgesichert sein.  Lohn -, Energie- und Materialkostensteigerungen müssen die Einrichtungen – wie in der Privatwirtschaft – wirkungsvoller entsprechen bzw. begegnen können. Mannigfache Reglementierungen und Vorschriften korrumpieren darüber hinaus bislang eine Umsetzung moderner Pflegekonzepte und sollten daher hinsichtlich Relevanz und Frequenz überprüft werden.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0