Leserbrief an die NOZ

Leserbrief zum Artikel: „Abkehr von Schulnoten und Bürokratievorschriften“ vom 23. Februar 2015 in der NOZ, Seite 17

 

Zunächst einmal stelle ich fest, dass der Vortrag und die anschließende Diskussion leider an den drängenden Problemen vorbeilarviert wurde. Im Einladungsschreiben ging es um die „mangelnde Personalausstattung“ und am Ende sollte es darum gehen, „verbleibende Probleme offen und in aller Klarheit zu diskutieren“.  Genau das ist leider nicht gelungen! Im Gegenteil die wirklich drängenden Fragen wurden schon durch die Akzentuierung des Vortrags umschifft und in der Diskussion dann weitestgehend abgebügelt. All das konnte der Bericht leider nicht wieder geben.

 

Herr Laumann war in sehr vielen Punkten erfrischend klar und es hat gefallen, dass er das ein oder andere Argument rhetorisch mit Emotionen würzte. Gebetsmühlenartig wurde auch hier wieder und richtigerweise der Vorrang der ambulanten vor der stationären Versorgung betont. Aber bei genauerer Betrachtung:  Verschließen hier die Verantwortlichen die Augen vor der Realität? Heute pflegen vor allem die 45 bis 70-Jährigen (Frauen), die heute über 80-jährigen, pflegebedürftigen Menschen. In etwa 20 Jahren werden diese „Baby-Boomer“ vermehrt selbst Pflege bedürfen. Die haben dann aber nicht im gleichen Verhältnis unter sich Jüngere, die pflegen können.

 

Sicher müssen ambulante Strukturen rasch initiiert und verändert werden. Da hat Herr Laumann ja recht! Brauchen wir angesichts der demografischen Entwicklung, der Singularisierung der Gesellschaft und nicht zuletzt angesichts der Notwendigkeit, dass beide Ehepartner arbeiten gehen (müssen), nicht auch stationäre Formen mit genügend und gut ausgebildeten Pflegepersonal?  Und müssen wir damit nicht jetzt beginnen, um Schulabgänger zu bewerben und noch arbeitsfähiges und –bereites Pflegepersonal zu halten? Müssen wir den Beruf nicht so attraktiv machen, dass nicht immer mehr Pflegende krank werden, ins Ausland gehen, freiwillig die Stunden reduzieren oder lieber bei Lidl an der Klasse sitzen als ihren ausgebildeten Beruf auszuüben?
Aber brauchen wir nicht auch eine noch stärkere Öffnung der Heime? Damit sich aber die Heime verändern und stärker öffnen, braucht es mehr Anreize. Und die haben die Heimbetreiber zu Zeit nicht. Da fehlt es nicht nur am Geld. Die kontraproduktive Konkurrenz der Anbieter verhindert die Entwicklung! „Redet miteinander!“ sagt Herr Laumann ganz richtig. Aber wenn doch der Anreiz fehlt?

 

So ist sicherlich durch das 1. Pflegestärkungsgesetz eine erhebliche Förderung in Richtung ambulanter Versorgung und teilstationärer Angebotsmöglichkeiten geschaffen worden. Herr Laumann hat völlig Recht, dass die Kommunen und die Anbieter von Pflegediensten sehr viel stärkeres Engagement zeigen müssen. („Eine Tagespflege gehört in der Tat nicht ins Gewerbegebiet“, sondern in die Mitte des gesellschaftlichen Lebens, um nicht zu sagen in die Mitte unserer Gesellschaft.) Auch ist sicher richtig, dass nach Einführung der Pflegeversicherung die Länder und Kommunen ihrer Verantwortung hinsichtlich der systematischen Entwicklung einer altersgerechten Infrastruktur nicht nachgekommen sind. Diese Herausforderung wurde leider gern ehrenamtlicher Initiative überlassen. Aber Ehrenamt sollte entlastend und vor allem komplementär sein und nicht die Probleme der Profis und der Politik lösen.

 

Klar wurde auch, dass tarifliche Entlohnung von Pflegekräften auf einem Markt, der dem Zugriff gewerkschaftlichen Drucks weitestgehend entzogen ist, eine Abwärtsspirale gerade dort an Pflegesätzen in Gang gebracht hat, wo vermehrt private Anbieter einen Markt vorfinden. Herr Laumann weist in der Diskussion schlagfertig darauf hin, dass im Gegensatz zu Niedersachsen die höheren Pflegesätze in NRW immerhin bezahlt werden.
Ausdrücklich zu begrüßen ist der Mut zur Entscheidung der Regierung, eine generalisierte Ausbildung zu implementieren, aber auch die Entbürokratisierungskampagne ist ausdrücklich zu unterstützen. Wenn wir Pflegenden ehrlich sind, dann ist das Problem Bürokratie nicht allein eines der externen Prüfinstanzen, sondern es ist auf Grund einer mangelhaften Verzahnung von Pflegewissenschaft und Praxis zu einem Großteil selbstverschuldet! Herrn Laumanns „Wahlkampf“ zu dieser Baustelle kann man nur viel Glück wünschen. Sehr klar setzt Herr Laumann sich für die Abschaffung der derzeitigen Form der Kontrollen von Heimen und ambulanten Diensten ein. Bleibt abzuwarten, was an die Stelle des Pflege-TÜV tritt und ob es nicht zu noch mehr Prüfungsaufwand kommt.
So wie das 1. Pflegestärkungsgesetz viele richtige Impulse setzt, genau so sehr wurden in der Gesamtschau auf Laumanns Vortrag die Hoffnungen von Pflegekräften vollends zerstört. Es wird sich für die Pflegekräfte nicht viel ändern, und das obwohl die Chancen spätestens mit dem 2. Pflegestärkungsgesetz dazu da wären. „Pflege ist nicht schön!“ Man müsse da auch mal die Kirche im Dorf lassen, so sinngemäß Laumann. Im Rahmen einer Imagekampagne für den Pflegeberuf dürfen wohl Herrn Laumanns Äußerungen als besonders kontraproduktiv angesehen werden! Wohltuend anders zeigt der Bericht auf Seite 32 (NOZ 23.02.2015) an, wie man sich dem Thema schon sehr viel besser nähern kann.

 

Es wird allerhöchste Zeit, dass die Zahlen überprüft  und – nachempfunden werden! Vor Einführung der Pflegeversicherung gab es ca. 30% demenzkranke Menschen in den stationären Einrichtungen, heute sind es nahezu 70%. Ja - es ist gut, dass Menschen, vor allem an Demenz erkrankte, möglichst lange in ihrer häuslichen Umgebung bleiben. Da macht es aber nicht immer Sinn, sie täglich in eine Tagespflege zu kutschieren. Die Regierung beabsichtigt eine verbesserte Versorgung nicht allein mit dem ersten, sondern auch absehbar mit dem 2. Pflegestärkungsgesetz, in dessen Zuge über den neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff dieser Entwicklung auch besser Rechnung getragen werden soll. (Was zu beweisen wäre!)
Die Einführung der Betreuungskräfte nach § 87b (SGB XI) ist zwar löblich und aus der Perspektive von Laien und Politik irgendwie einleuchtend, aber eigentlich, wenn man ehrlich ist, eine Einführung von Billigkräften in den Pflegebetrieb, um die Kosten niedrig zu halten. Darüber hinaus ist sie pflegefachlich unsinnig. Was aber die Sache dramatisch macht und so das Problem Berufsflucht noch weiter befeuert, ist die Tatsache, dass sich mit dem Anstieg der Demenzerkrankungen nicht allein ein Mehrbedarf an Betreuung, sondern in sehr viel stärkerem Maße, als Pflegekräfte dies darlegen und dokumentieren können, ein MEHRBEDARF an Pflege einhergeht!

 

Der durchschnittliche Vollzeitstellenanteil für eine Einrichtung mit 80 Bewohnern in Deutschland liegt bei 31 Vollzeitstellen in der Pflege. Dies sind Bruttostellen, das heißt Sie müssen den Urlaub, die Fortbildung und den Krankheitsausfall quasi noch einmal abziehen, wenn Sie wissen wollen, wie viel in der direkten Pflege am Bewohner dann noch übrig bleibt. Und es ist entgegen vieler Meinungen solcher Leute, die eben nicht selbst (mehr) in der Pflege arbeiten, nicht allein ein Problem der Organisation und des Managements, sondern ein echtes Struktur- und Personalproblem. Hier werden Billigkeitserwägungen vollkommen ausgeklammert! Ich fordere die Parteienvertreter hiermit ausdrücklich auf, ihre Bürokraten(mit dem „erotischen Verhältnis zu Akten und Excel-Tabellen“ – O-Ton Laumann) mit Nachrechnen zu beauftragen!
Herr Laumann will die Probleme auf der Strukturebene angehen, das sagt er im Vortrag, entzieht sich aber letztlich seiner Sorgfaltspflicht, überlässt dies den Beteiligten der sogenannten „Pflegeselbstverwaltung“ auf Länderebene. Von Herrn Laumann wurden in diesem Zusammenhang Bedarfserhebungsinstrumente ebenso wie das Thema Personalschlüssel mit neoliberalen Begriffsinstrumentarien und Totschlagargumenten vom Tisch gefegt. Es sei nicht finanzierbar.

 

Ich möchte gar nicht mit den Gedanken an eher linkspolitische Forderungen zum Beispiel nach einer Um-Fairteilung in unserer Gesellschaft aufwarten. Nein, Herr Laumann gibt doch selbst die Antwort:
Gleich zu Beginn seines Vortrags betont er, dass es wohl viele und insbesondere ihn selbst erstaunt habe, dass angesichts einer derartigen Leistungserhöhung im Rahmen einer Sozialversicherung im Volumen von ca. 20% in Folge der 0,5-prozentigen Erhöhung des Pflegeversicherungsbeitrages eigentlich keine Abwehr erfolgt sei, selbst die Arbeitgeber trügen dieses Paket ohne zu murren mit. Also geht da doch noch was! Weil jeder vernünftige Mensch in Deutschland nicht wie die Politik auf diesem Auge blind ist, und im Gegensatz zur Politik spürt und / oder erlebt, dass das Pflegepersonal am absoluten Limit arbeitet und am Boden liegt!
Es geht nicht mehr allein um die Pflegebedürftigen und ihre Familien, sondern es wird Zeit die Augen zu öffnen, was sich hinter den Kulissen insbesondere der Pflegeheime (und der Krankenhäuser!) abspielt, man kann auch sagen um Ergebnisqualität. Ein neuer Pflege-TÜV sollte unbedingt prüfen, wie und unter welchen Rahmenbedingungen die Ergebnisse erzielt werden. Wenn es dann am Ende in den Prüfungen gute Ergebnisse gibt, auf dem Weg dahin (Prozesse) aber die Pflegekräfte völlig ausbluten oder verbrennen und nach und nach einen Weg suchen, aus diesem Beruf auszusteigen, dann ist diese Prüfung unvollständig und das eigentliche Problem vor dem demografischen Wandel, dass wir niemanden mehr finden, der im Beruf bleibt, „ihn machen will“, noch gar nicht angegangen!
Und wenn der unsinnige Pflegefonds gleich einer Erhöhung von Personalschlüsseln zu Gute käme, dann wäre der Situation von Gepflegten und Pflegenden zumindest in den Heimen sehr rasch verbessert.  Herr Laumann, greifen Sie ein und überlassen Sie das Regeln nicht uneingeschränkt den Leuten, die am Verhandlungstisch (der Pflegeselbstverwaltung) strategische Ziele und eigene Interessen verfolgen! Und wieso greift man eigentlich nicht auf den Solidaritätsbeitrag zu? Welche Interessen wollen unsere Politiker da schützen? Scheinbar sind die Interessen der Pflege immer nachrangig!

 

Ich denke die Politik kann nicht weiter die Augen verschließen, zumal sie durchaus eingreifen könnte. Über die Paragraphen des SGB XI (75, etc.) ist hier schon was möglich. Wenn sich endlich mal Leute auf den Weg machten und anfangen würden zu rechnen, dann werden Sie allein aus ethischen Gründen, sondern auch um nicht noch mehr Menschen für diesen Beruf zu verlieren oder gar nicht erst gewinnen zu können, nicht daran vorbei kommen, gesetzliche Regelungen zu schaffen, die eine Mindestbesetzung garantieren. Und wenn es eine gute Regierung ist, dann fällt ihr auch sicher ein, wie der entsprechend notwendige Personalmehrbedarf zu refinanzieren ist!

 

Mit dem 2. Pflegestärkungsgesetz kommt nach 2017 nicht nur ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff, sondern es stellt sich ganz klar die Frage, ob sich daraus auch über die dann notwendige Neuanbindung der Pflegegrade an neu zu berechnende und zu bestimmende Personalschlüssel ein Zuwachs an schon jetzt dringend notwendigen Mehrpersonalstellen ergibt.
Hierin liegt die Hoffnung der praktisch Pflegenden in den Heimen. Sie werden kräftig enttäuscht werden. Die Karre wird hier wohl endgültig vor die Wand gefahren!

 

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