Der Schuß ging nach hinten los

Hilfe, ich suche einen Pflegedienst!

Ich erhielt allein gestern zwei Anrufe von der IKK und einer verzweifelten Angehörigen.  Beide suchten für Ihre Klienten bzw. Angehörigen händeringend nach einem ambulanten Pflegedienst und waren über meine homepage auf mich gestoßen. Nun habe ich aber kein Pflege-Unternehmen Aber es scheint sich im Zuge des PSG II etwas anzubahnen, was ich bereits vorausgesehen habe.

Scheinbar reichen die Informationen und Angebote für Menschen mit Pflegebedarf bei Weitem nicht aus; denn die beiden Anrufer betonten einhellig, dass in ihrer Region zu wenig Kapazitäten bei den Pflegediensten herrschen. Wohl unter anderem weil es an Pflegekräften mangelt.

Und ich erlebe es gerade bei meinem 82-jährigen Onkel. Eine umfassende und VERSTÄNDLICHE Information zu den Möglichkeiten der Pflegeversicherung erfolgt nicht oder äußerst mangelhaft. Darüber hinaus ist das Sozial-Gesetzbuch XI derart komplex und kompliziert, dass es ohne eine Beratung  (wie bei der Steuer) gar nicht geht. Aber schon aus dem Krankenhaus heraus misslingt die Überleitung in die häusliche Umgebung. Da kauft sich mein Onkel privat einen Rollator. Er weiß nicht und wird auch nicht darüber aufgeklärt, dass die Kasse hier bezuschusst; er traut sich nicht einen Antrag auf einen Pflegegrad zu stellen, weil er nicht weiß wie, wo und bei wem er dass tun soll; er hat Angst, dass ihm die Rente gekürzt wird und er "durchleuchtet" wird, wenn er Pflegegeld erhält; er weiß auch nicht, wie viel Pflegegeld er bekommen kann; er ist schlichtweg unterversorgt und droht in einen noch höheren Pflegegrad abzurutschen. Ich denke, dass er mindestens Pflegegrad 1 oder 2 bekommen müsste, traut sich aber - wie gesagt - nicht einen Antrag zu stellen. So weit so gut!

Was aber bei der stetig anwachsenden Zahl pflegebedürftiger, alter und dementer Menschen noch mehr die Alarmglocken klingeln läßt: Selbst wenn diese Menschen den Weg durch den Dschungel des PSG II finden; sie finden zunehmend häufiger keinen
Pflegedienst, der die entsprechenden Sachleistungen und Behandlungspflege anbieten kann. Warum? Weil es immer weniger Dienste gibt, die noch für die angefragten Angebote und Pflegeleistungen noch Personal gewinnen können.

Viele Pflegemitarbeiter sind aus Heimen und ambulanten Diensten zu Tagespflegen (oder ins Ausland, oder in Rente oder andere Berufe) abgewandert.
In unserem Landkreis gab es vor ca. 10 Jahren etwa 5-6 Tagespflegen; jetzt sind es über 30. Und die ziehen Personal ab -  aus den Heimen und aus den ambulanten Diensten; denn die Arbeitsbedingungen in den Tagespflegen sind für sehr viele Pflegekräfte äußerst attraktiv und deutlich familienfreundlicher.

Man kann sagen, der Schuss, der mit dem PSG II abgeschossen wurde, ist nach hinten los gegangen. 5 Milliarden pro Jahr reingesteckt in die ambulante Versorgung und im Nebeneffekt eine Verschärfung der Situationen in den Heimen.
Musste man damit nicht angesichts der Daten und Zahlen rechnen?
Solange der Beruf der Krankenschwester und des Altenpflegers derartig schlechte Rahmenbedingungen im Vergleich zum Ausland zeigt, können wir noch so viel in Werbekampagnen für den Beruf stecken, wir werden die jungen Leute nicht gewinnen oder ziemlich racsh verlieren...



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Kommentare: 6
  • #1

    Heinke Vollers (Mittwoch, 10 Januar 2018 18:22)

    Diese Erfahrungen mache ich als Pflegerin im ambulanten Dienst auch, unsere Pflegeklienten bekommen selten die richtigen und ausreichende Infos von Kassen und Krankenhäusern, und wenn sie dann irgendwelche Anträge auf Hilfsmittel stellen, wird oft erstmal abgelehnt und auf den Widerspruch gewartet. Es ist oft nichtmal der Unterschied zwischen Pflegedienst, MDK und Kasse bekannt, zwischen Pflege und Behandlungspflege, und oft auch nicht, dass auch Schwerstpflege ambulant geleistet werden kann. WENN denn ein Pflegedienst noch Kapazitäten hat. Das ist das Resultat der wettbewerbenden Kassen der Teil-und Ganz-Privatisierungen, der Entstaatlichung der eigentlich gesellschaftlichen Aufgaben. Haben sehr viele Menschen wohl falsch gewählt. Herr Gröhe findet aber alles toll.

  • #2

    Sabine Mechelhoff (Mittwoch, 10 Januar 2018 21:50)

    Ich erlebe dies leider auch fast täglich. Ich arbeite als Pflegeberater und suche jede Woche für meine Kunden nach ambulanter Versorgung und Betreuung. Meist ohne Erfolg. Habe aus diesem Grund in NRW eine Anerkennung für ambulanten Senioren und Demenzbetreuung beantragt. Viele Pflegende Angehörige brauchen einfach und Entlastung und Freiräume.
    Ich hoffe immer noch das sich im Gesundheitswesen etwas tut damit der Beruf auch wieder interessanter wird. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

  • #3

    Uwe Goldbach (Donnerstag, 11 Januar 2018 18:42)

    Hallo Herr Thomsen,

    können Sie etwas zur Zukunft der ambulanten Pflege im Zusammenhang mit der Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes bis 2020 sagen? Zwischen Pflegeleistungen und Eingliederungshilfe muss um jede Leistung verhandelt werden. Ich habe den Eindruck, dass auf die ambulanten Pflegedienste mehr Arbeit zukommt, bei jetzt schon eingeschränkter Kapazität. Die Frage was billiger ist, Eingliederungshilfe oder Pflegedienste wollte mir niemand beantworten.
    Was meinen Sie?
    ugoldbach@sozial-gesund.de

  • #4

    Andreas Lutz (Donnerstag, 11 Januar 2018 19:15)

    In meinem Pflegedienst gibt es aktuell wieder Aufnahmestopp. Täglich wird Bedarf und verfügbare Personalkapazität gerechnet. Überlastung der Mitarbeiter und /oder Abstriche an der Qualität sind logische Folgen von Auftragsannahme über das Maß.
    Zur u zureichenden Aufklärung /Beratung: Nach dem nationalen Expertenstandard hat eine Klinik ein Entlassmanagement einzuführen. Dazu gehört die Anschlussversotgung und die Ausstattung mit Hilfsmitteln. Pflegeberatung ist Pflichtaufgabe der Kassen. In Rheinland-Pfalz wäre einer der 153 Pflegestützpunkte zuständig gewesen. Zur Pflegeversicherung : das ist nun mal in erster Linie eine fiskalischen Frage, ob die Pflegekasse bei der Finanzierung ins Boot geholt werden kann.
    Größte Baustelle: Personalengpass. Wir stehen erst am Anfang der Misere. Es ist sozusagen Hochwasser bis zur Deichkrone. Der Damm ist noch nicht gebrochen, aber die Bedrohung nimmt durch den demographischen Wandel steig zu.

  • #5

    Thomas Schlettert (Freitag, 12 Januar 2018 14:20)

    Dafür sollte die Pflegeberatung gemäss Paragraph 7 da sein und von den Betroffenen auch eingefordert werden.
    Dazu gehört eine umfassende Beratung und ein VersorgungsPlan, der auch umgesetzt wird.
    LG Thomas Schlettert

  • #6

    Gisela Hoff (Samstag, 13 Januar 2018 04:29)

    Beratung? Was für Pflegeberatung?
    Am Anfang musste ich ein paar mal richtig böse werden um die Hilfe zu bekommen die mein Mann und ich benötigten.
    Angefangen bei regelrechter Erpressung von Ämtern, "Wenn sie uns nicht helfen, bleibt mein Lebensgefährte hier und sie (die Stadt Berlin) dürfen die Pflegeeinrichtung zahlen", bis hin zu "Wenn wir nicht JETZT und sofort einen Kurzzeitpflegeplatz in einer Pflegeeinrichtung bekommen, stehe ich morgen mit meinem Mann bei ihnen (Klinik) auf der Matte." Mein Mann hatte u.a. ALS. Was das für die Weaningstation bedeutet hätte muss ich ja wohl nicht erklären.
    Leider musste ich zu drastischen Massnahmen greifen da ich meinen Mann nicht alleine hätte pflegen können und der AIPD gekündigt hatte.
    Meistens bin ich nur weiter gekommen wenn ich die passenden Leute erpresst habe. Aber was sollte ich denn machen?