Zum Thema die falschen Leute eingeladen

Zur Sendung Maischberger am 18.04.2018

 

Zunächst Herr Rieger: "Ich bin da sehr skeptisch, dass jemand, der zunächst als Lobbyist gearbeitet hat, nun als Bundesgesundheitsminister Gesetze macht, die eben dieser Branche schaden und zu Ungunsten derjenigen gehen, die eigentlich das Geld nötig hätten."

 

Der Vorwurf von Herrn Rieger ist durchaus berechtigt, gleichwohl nicht zielführend – wie Herr Spahn auch passend konterte. Ich möchte und kann hierzu aber gar keinen Faktencheck beisteuern, weil es nicht mein Expertenwissen abfragt! Natürlich ist bzw. war Herr Spahn Lobbyist. Viele Politiker sind das. Und viele beim falschen Verein!
Gleichwohl muss ich mich hier fragen,
ob Journalisten da nicht ihren Job machen. Diese Frage kann man einem investigativen Journalisten stellen.  Hierzu entweder Journalisten befragen. (Oder gut drauf schauen, wer bei neuen Gesetzen gewinnt!)

 

In jedem Fall kann ich die SKEPSIS von Herrn Rieger VERSTEHEN!
Im Übrigen kann ich seine Skepsis auch als Ausdruck der gesamten Branche (im Sinne einer „Vertrauenskrise“ - Spahn) verstehen, aber der Faktencheck HIERZU ist hinsichtlich des Sendethemas m.E. auch völlig irrelevant (insofern hat Spahn recht!).

 

Viel spannender wäre zum Beispiel ein Faktencheck in diese Richtung:
Herr Plett hält ein Anwesenheitsverhältnis im Heim von einer Pflegekraft zu fünf Bewohnern für angemessen! Es wäre hier zu klären, dass das tatsächliche Anwesenheitsverhältnis nachts bei ca. 1:52 und im Tagdienst bei 1: 12,5 liegt!

Und wenn Frau Maischberger Herrn Spahn fragt, wieviel das mehr kostet und DER hat dazu keine Ahnung. DAS ist der Skandal! Wenn er Gesetze machen will, die die Refinanzierung von mehr Stellen im Pflegeberich betreffen, dann MUSS er sich da besser auskennen.

 

Herr Rieger hatte übrigens in einem Punkt unrecht: Die Heimaufsicht prüft sehr genau, ob die Personalschlüssel eingehalten werden. Nur kann man mit den darüber entsprechend refinanzierten Personalstellen keine gute Pflege leisten! Und wenn man aber an den einzelnen Personalkosten (=Löhnen) spart, dann - nur dann - kann man Gewinne machen. Das Kernproblem ist, dass bei zunehmender Arbeitsverdichtung und steigender Multimorbidität und Verweildauer in den Heimen sowie einem steigenden Anteil demenzkranker Bewohner die beruflich Pflegenden permanent an ihre körperlichen und psychischen Grenzen geraten. Das Ergebnis ist Berufsflucht und Anstieg der Krankheits- und Frühberentungsquote. Dabei hift auch nicht die von Herrrn Spahn herbeigeredete Erhöhung der Stellenanteile bei Teilzeitkräften; sicher: einige wollen mehr arbeiten, aber dann fehlen dem Heim die Köpfe. Sehr viele reduzieren WEGEN der hohen Arbeitsintensität.


Die Probleme in der Pflege bzw. die "Skandale" sind keine Ausnahmen mehr, sondern werden durch ehrenamtlichen Einsatz, Angehörige und die totale Aufopferung der „berufenen“ Pflegekräfte bis zum Burnout oder zum #pflexit in gewisser Weise kaschiert!

 

Herr Spahn ahnt, dass, wenn nicht rasch was passiert, in ein paar Jahren die Katastrophe eintritt!

In den Jahren zuvor hat die Situation des Pflegepersonals niemanden ernsthaft interessiert. Man glaubte ernsthaft, mit den Pflegestärkungsgesetzen und dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff das Problem behoben zu haben. Und genau da sieht man dann die Inkompetenz der verantwortlichen Politik, die ein Stückweit auch bei Herrn Spahn liegt. Tatsächlich hat man den ambulanten Bereich aufgerüstet. Das Ergebnis ist, dass dort mehr angeboten werden kann und eben auch mehr Personal bindet, aber das Pflegeversicherungsgesetz ist dermaßen kompliziert, dass die Betroffenen davon nicht voll umfänglich profitieren. Auch hat Frau Hallermann absolut Recht, wenn sie Herrn Spahn dabei entlarvt, dass er hinsichtlich Rentenbeitrag für pflegednde Angehörige völlig überzogene Zahlen präsentiert.

Erst durch die außerparlamentarischen Bewegungen, wie Pflege am Boden, Pflege in Bewegung, etc. dämmert es nun auch den Politikern, dass die Not groß ist, weil es keine jungen Leute mehr für den Beruf zu gewinnen gibt und sie schon in der Ausbildung den Beruf verlassen.

 

Es wird in den nächsten Jahren angesichts der demografischen Entwicklung und des Fachkräfteschwunds nur mit Bettenschließungen gehen; die Last wird weiter auf Angehörige und Kommunen verlegt. Skandalberichterstattungen - mehr und mehr auch aus dem ambulanten Bereich - werden zunehmen.

Spahns Bemühen kommt so oder so zu spät. Und solange er nur dem Markt vertraut, wird sich nicht ändern. Als Vertreter neoliberaler Politik wird er mit ansehen müssen, wie die Pflegekatastrophe in den nächsten 5 - 10 Jahren ihren Lauf nimmt. Die 8.000 zusätzlichen Stellen sollen ein erster Schritt sein. Herr Spahn kennt aber nicht die Zahlen und verfehlt so das Ziel. Was nützt die beste Ausbildungsoffensive, wenn die beruflich ausgebildeten Pflegekräfte den Beruf wieder verlassen, weil sie zu wenig Kollegen haben und immer wieder selbst einspringen.

 

(P.S.: Die Maischberger-Redaktion hat die falschen Leute zu DEM THEMA eingeladen! Die beruflich pflegenden Fachkräfte gehören in die Runde!)

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Bruhn Daniela (Donnerstag, 19 April 2018 23:21)

    Von mir einen kleinen Gedankenanstoß an die Politik. Mir wurde 3x der Wegebau abgelehnt, jedesmal mit einer anderen Begründung. Alles was ich wollte, war eine finanzielle Unterstützung während der Ausbildung zur Altenpflegerin. Da ich diese nicht bekam gab es für mich nur eine Möglichkeit, meine Ausbildung berufsbegleitend zu absolvieren. Ich bin nun 42 Jahre alt und habe eine dreieinhalbjährige Ausbildung hinter mir, diese Zeit war sehr anstrengend da mir nichts anderes übrig blieb als meine Ausbildung in meiner “Freizeit“zu machen, ich arbeitete zu 80%. Meine Meinung zu dem ganzen ist einfach, dass nicht jeder dies so durchzieht, durchziehen kann, da es sehr an die Substanz geht. Ich persönlich liebe diesen Beruf, trotzdem bin ich der Meinung, es macht/kann nicht jeder. Ich hatte schon immer einen starken Willen deshalb konnte ich es auch bis ans Ende der Ausbildung schaffen. Nachdem ich festgestellt habe wie anstrengend und Zeitintensiv diese Ausbildung für mich war, würde ich es heute niemandem empfehlen auf diese Art eine Ausbildung zu machen. Und da ist der Knackpunkt, wieviele ausser mir gibt es, denen Steine in den Weg gelegt werden wenn sie eine Ausbildung zur Altenpflegerin machen möchten! Es ist so garnichts attraktives an dem Beruf wenn man als Quereinsteiger in die Altenpflege möchte. Da muss sich unbedingt und sehr rasch was ändern. Gruß Bruhn