Essay: Verstehen ist hypothetisch

 

Prinzipiell ist von Menschen Geäußertes nachvollziehbar, verstehbar. Es muss nur stets von dem Rezipienten interpretiert werden.

 

Also alles, was irgendwie „Text“ ist. Mimik, Gestik, Skulptur, Malerei, Tanz und Körpersprache als analoge Ausdrucksformen ebenso wie digitale Sprachmitteilungen kann von jemanden, der es sieht, hört oder spürt über-setzt werden. Und so wie es verschiedene Sprachen gibt, gibt es unterschiedliche Ausdrucksformen und Zuschreibungen. 

 

Hinter allem Verstehen lauert die eigne Geschichte, die persönliche Biografie und das, was sich an Erfahrung und Kompetenz aus den eigenen Talenten entwickelt hat. Wir bleiben stets die Übersetzer der uns affizierenden Botschaften und manchmal stellen wir Hypothesen auf, weil die Leerstellen des Textes der aktiven Füllung bedürfen, um Sinn zu ergeben.

 

Wir helfen uns meist mit Analogien oder füllen die Leerstellen, wie bei fehlenden Puzzle-Teilen mit Eigenem, so dass es ein passendes Bild ergibt. Das Bild muss nicht identisch, aber stimmig sein. Das ist dann Verstehensarbeit.

 

Aber auch ein scheinbar stimmiges Bild kann fehlerhaft sein. Das können wir dann Missverständnis oder widerlegte Verstehenshypothese nennen.

 

Je breiter und tiefer unsere Kompetenzen, desto genauer nähern wir uns der Intention des Ursprungstextes, desto unwahrscheinlicher wird die Möglichkeit, dass die Verstehenshypothese verworfen, beziehungsweise korrigiert werden muss.

 

So ist denn alles Verstehen ein Bemühen um Sinn und ein Zurückgreifen auf Wissen und Kompetenz. Damit solche Kompetenz wirken kann, braucht es nicht zwangsläufig des Wissens um die Regeln, derer der Sender folgt. Eine lange Erfahrung kann Intuition ausbilden. Wenn es aber darum geht, die Korrektheit der Interpretation zu belegen, braucht es Begründungen, die in der Regel nicht ohne die Analyse und Darlegung der Regeln auskommt.

 

Ich verstehe vielleicht intuitiv, was ein anderer meint oder mit seinem „Text“ sagen oder ausdrücken will, weil ich seine Erfahrungswelt weitestgehend teilen kann oder weil ich einfach viel weiß, was ihn betrifft, aber wenn ich von Dritten aufgefordert werde, den „Text“ zu übersetzen, gilt es auch die Regeln des Senders und / oder des Deuters darzulegen, sonst bleibt alles nebulös, also ohne wirklichen (wirkenden) Erkenntnisfortschritt.

 

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