Ein Rückblick auf Teile meines Mitlebens

Politisches Umfeld – Zwischen 1969 und 2008

 

Hinter dem „Wirtschaftswunder“ der 50er und 60er Jahre versteckt, durchwirkte ein im Nazi-Deutschland erzogener Geist weiter in den Köpfen der Menschen und trieb sein Unwesen in den Institutionen der beiden deutschen Staaten. Diesen Geist bekam ich gelegentlich in Schule, Ferienheim oder Ortskneipe zu spüren!

 

Gerade aufs Gymnasium gekommen, gab es erste Demonstrationen gegen Vietnam, etc.. Sogar wir Unterstufenkinder der 5. und 6. Klasse marschierten einmal mit und skandierten „Dubczek, Swoboda, Dubczek, Swoboda!“ oder „Ho, Ho, Ho Chi Mingh“! Ich war 12 Jahre alt im Jahre 1969. Und es war wohl wie ein erster Befreiungsschlag der Nachkriegsgenerationen. Die Töchter und Söhne der in diesem Geist Aufgewachsenen spürten hinter der Sprachlosigkeit und Fassade ihrer Eltern und Lehrer dieses unbegreifliche Geschwür, konnten es nicht genau benennen und erfanden schließlich eine neue Sprache. Protest und Widerworte gehörten dazu. Lange Haare, Beat-Musik, Rauchen, kurze Röcke, enge Jeans, allgemeine Freizügigkeit, Auflehnung gegen das Establishment. Die Jugendlichen wurden von ihren Eltern und der Gesellschaft nicht (mehr) verstanden und überschritten die Grenzen der ungeschriebenen und geschriebenen Regeln. Wie beeindruckt war ich von den Mutigen, die lange Haare trugen oder es wagten, den Lehrern zu widersprechen. Was war das für ein Aufsehen und bei uns Schülern klammheimliche Bewunderung für den Schüler der Oberstufe des Clemens-August-Gymnasiums, der es gewagt hatte einen Lehrer, der ihn geohrfeigt hatte, in gleicher Weise zurückzuschlagen!

 

Die Cloppenburger waren von jeher katholisch, ländlich, konservativ, vom Zentrum zur CDU gewechselt, und fühlten sich unschuldiger als andere, hier weitab vom Nazi-Getriebe in Berlin, München, Nürnberg. Hatten sie doch schon den Nazis an manchen Stellen die Stirn geboten, wenn es zum Beispiel um die „Eliminierung unwerten Lebens“ ging, was der katholischen Lehre ja gänzlich widersprach. Der Namensgeber der Schule, „Clemens August Graf von Galen“ wurde hier als Zeitzeuge benannt. Gleichwohl hatten sie den Zeitgeist geatmet und assimiliert.

 

Öffentlichkeit in Form von Presse und Kulturschaffenden und die studentischen Grenzübertritte lenkten endlich den Blick darauf, was hinter den Kulissen und dem Ablenkschirm des steigenden Wohlstands weiter wirkte: Doppelmoral, Frauenfeindlichkeit, Machtgier und Profitstreben, Fremdemfeindlichkeit, häufig gepaart mit Intoleranz. „Hinter den Talaren, der Muff von tausend Jahren“!

 

Vieles davon kam in Cloppenburg bei der intellektueller aufgestellten Bürgerschaft verspätet und meist erst über die Medien (Radio, Fernsehen) an, aber traf zu Großteilen auf ihr Verständnis. Aber auch die hinter der Schockstarre des verlorenen Krieges zurückgedrängte oder verdrängte Aufarbeitung dessen, was nach der Weimarer Republik bis 1945 nach außen eingestanden, aber nach innen häufig uneingestanden, geduldet, mitverschuldet oder gar begangen wurde; diese Aufarbeitung fand nicht statt, war Tabu. Fragen dazu wurden umschifft oder lästig bei Seite geschoben; denn es gab viel zu tun. Die Ruinen warteten und der Nachbar hatte sie schon, die Waschmaschine, das Auto, den Fernseher.

 

Die Männer blieben verschollen oder getötet oder sie kamen zurück aus dem Krieg, hatten aber nicht die Kraft zum Neulernen, sondern zeigten weiter, ja noch besser, ihr Anpassungstalent. Die Frauen, völlig neu herausgefordert und oft vergewaltigt oder traumatisiert, mussten funktionieren, um zu überleben. Und vor allem die Studenten, die neu lernen mussten, spürten zunächst nur und konnten es in ihrer neuen Sprache zunehmend besser fassen, dass da vieles verschleiert, verklärt oder totgeschwiegen wurde. Aber die Sprache Rudi Dutschkes verstand die Masse nicht!

 

Demokratie, Toleranz, Streitkultur hatten noch keine festen Wurzeln geschlagen. Erst am Ende der Kette, Anfang der 80er Jahre konnten Kommunikationsforscher wie Paul Watzlawick, Friedrich von Thun und Jürgen Habermas die Rahmenbedingungen der demokratischen Streitkultur freilegen, leider wieder von nur sehr wenigen wirklich verstanden.

 

Geblendet vom Bild eines vermeintlichen Gegners, dem Bedroher der Freiheit, verortet im Osten, der stets als Schreckgespenst und Looser herhalten musste, aber auch geblendet vom unerschütterlichen Glauben, dass nur freies Unternehmertum einen Frieden in Freiheit sichern könne, der wiederum nicht ohne stetig wachsende Produktion und Konsum erhalten werde könne, entwickelte sich quasi eine Paralellreligion. (Kritische Theoretiker würden hier eher von Ideologie sprechen, aber ich finde den Begriff „Ersatz- oder Paralellreligion“ viel treffender, wenn man sich die dazu gehörigen Rituale und Sprachfiguren genauer anschaut.) Man sah sich als Garant der Freiheit und vor allem erfolgreicher und wirkmächtiger als die „Bolschewisten“ im Osten, die mit ihrer Aufrüstung uns immerfort bedrohten. Wer sich bedroht fühlt, spricht nicht, schon gar nicht mit dem „Bedroher“, sondern geht selbst in Abwehrhaltung und sucht bei Gelegenheit die Chance zum Kampf.

 

Im heutigen Rückblick auf diese Zeit um 1969 herum ist es für mich doch erstaunlich, dass es zumindest EINER verstanden hatte, den Protest und das Drängen der gebildeteren Jugend richtig zu deuten und diesem eine neue Sprache zu verleihen, indem er unter anderem dazu aufrief, „mehr Demokratie zu wagen“. Willy Brandt machte damit deutlich, dass die Demokratie einerseits noch nicht gut verwurzelt war und andererseits noch nicht die Freiräume nutzte, die es ja gab! Ich hatte als Junge damals das große Glück, ihn zum ersten Mal live in der Markthalle Cloppenburg öffentlich reden zu hören. Mit der Figur Willy Brandts verschmolzen 1969 Dinge wie „soziale Marktwirtschaft“ und demokratischer Disput mit Begriffen wie Aussöhnung und Chancengerechtigkeit zu einer neuen Bewegung, die sich insbesondere am Beispiel Emanzipation, Frauenbewegung, Abrüstung und im Rahmen der Kulturschaffenden kristallisierten; denn viele Dichter, Schauspieler und Künstler bekannten sich zu „Willy“,.

 

Es war alles in allem eine Zeit mit nach vorne gerichtetem Blick, denn hinten war viel Unheil geschehen. Besonders vom technologischen Fortschritt erhofften sich die Menschen großen Segen. Dieser Fortschritt verhieß nämlich unendliche Möglichkeiten. Nichts schien mehr unmöglich und so wurde auch geworben. Man landete auf dem Mond und überall wurden „Zuwächse“ registriert. Die Kurve zeigte stets nach rechts oben. (Der Hitler-Gruß auch!)

 

Zwar traten erste Mahner auf, weniger von links oder aus dem Osten, sondern von Seiten der Wissenschaften und von einigen Sziologen und Philosophen (Marcuse, Bloch, Fromm, Jonas, …). Der Club of Rome sprach von den „Grenzen des Wachstums“ und Hoimar von Dithfurt wies bereits 1978 in einer Fernsehsendung darauf hin, dass sich die Erde, beziehungsweise das Klima, auf Grund des menschlichen Einflusses erwärmen würde! Die Partei der Grünen fand zunehmend Gehör und Zulauf, weil die hermetischen Gebäude der SPD trotz widriger, wissenschaftlicher Erkenntnisse nicht zulassen konnten, dass einige ihrer Glaubenssätze in Frage gestellt wurden. Die „eindimensionale Gesellschaft“, wie Marcuse sie beschrieb, hatte gewonnen.

 

Leider versteiften sich die Grünen allzu sehr auf Themen wie Mülltrennnung und Atomausstieg (ich vereinfache hier bewusst!) und brauchten sehr lange, um ihr Portfolio zu erweitern, dabei immer auf liberale Grundsatzhaltung bedacht. Im Nachhinein betrachtet sogar einmal zu weit getrieben, als man sogar Sex mit Kindern als legitim oder natürlich deuten wollte.

 

Eine holistische Sichtweise nahm kaum eine Partei ein. Klar sie waren ja auch Parteien; parteiisch, ein Teil, eben. Für die Demokratie ist solch ein parteiisches, eben ausschließlich interessengeleitetes Denken aber eine höchst gefährliche Droge, denn es entwickelte sich (wie schon in der Weimarer Republik) ein Diskurs, der am Ende nur Partei-Interessen vertritt und den Erfolg rein rhetorischem Geschick charismatischer Politiker verdankt. Gesunder Menschenverstand, Vernunft oder wissenschaftliche Erkenntnisse blieben in Schubladen verstaut und wurden nur bei Interessenskonformität oder passender Gelegenheit daraus herausgezogen.

 

Aber es war auch die Zeit des Bob Beamon-Sprungs!

 

Der erste Weitsprungrekord über acht Meter erfolgte mit 8,13 Metern im Jahr 1935 durch Jesse Owens, eine Ohrfeige für die Nazis gewissermaßen, was diese nur mehr noch anstachelte. Es dauerte 32 Jahre (1967) bis zum Sprung von 8,35 Meter. Nur ein Jahr später setzte der US-Amerikaner Bob Beamon mit seinem Sprung über 8,90 Meter einen Rekord, der erst 23 Jahre später mit 8,95 Meter von Car Lewis übertroffen wurde und der seit nunmehr 28 Jahren nicht mehr gebrochen werden konnte.

 

Kurz: Es gibt hinsichtlich Anatomie und Physiologie des Menschen Grenzen! Grenzen der Belastbarkeit und des absolut Leistbaren. Oder glaubt jemand ernstlich, ein Mensch könne die Rekorde immer wieder bis Ultimo brechen? Glaubt man wirklich, irgendwann in 200 Jahren springt jemand 13 Meter? In der Mathematik und in der Dichtung gibt es die Parabel. Irgendwann gibt es eben einen Punkt, über den hinaus man nicht mehr „springen“ kann. Und wenn das so ist, dann lohnt auch nicht mehr das Messen (von Erfolgen oder Rekorden) oder das Fordern nach Mehr. Aber die Parabel gilt für Neoliberale nicht!

 

Aller Bestreben ging dahingehend, mehr zu verdienen, mehr zu leisten, um den Kindern bessere Chancen für das künftige Leben bieten zu können und am Wohlstandskuchen teilzuhaben. Tatsächlich motivierte und korrumpierte diese Aussicht auf mehr Geld bzw. Kaufkraft, der Glaube, dass sich Leistung lohne, die Mehrheit der Bevölkerung. Die Linken sprachen von Konsumtrerror, die Konservativen vom Wohlstand durch Wachstum. Das Leben in einer Leistungsgesellschaft fordert zwar Opfer, aber die trug man gerne, denn die Gehaltskurve zeigte stets nach oben.

 

Dennoch merkte niemand, dass die gewerkschaftlichen Forderungen nach MEHR, die Einforderung von Prozenten eine mathematische Gleichung enthielt, die dann 50 Jahre später in einer amtemberaubenden Spaltung von Arm und Reich gipfelte. Auf 1000,- D-Mark 5 Prozent sind zunächst nur 50,- Mark mehr im Jahr. Auf 5000,- D-Mark waren das aber schon 250,- D-Mark. Wer dieses Spiel weiter führte, war nicht gut beraten oder einfach dumm, denn bei einer moderaten Inflationsrate musste das zu größerer Ungleichheit führen, die irgendwann in Ungerechtigkeit umschlägt.

 

Eine Krankenschwester, die 2001 netto etwa 1200,00 € verdiente, kam zehn Jahre später bei jährlichem Zins von 4 % bei etwa 1700,00 € heraus. 500,- € mehr, klingt erst mal gut. Aber diese Rechnung ist ohne die Preissteigerung und die Mieterhöhungen gemacht! Der Stationsarzt, der 2001 netto mindestens! 3000,- netto nach Hause brachte, hatte zehn Jahre später etwa 4600,00 € im Säckel! Er hatte also das Gehalt der Schwester bereits dazu gewonnen. Nochmal: Das wovon die Schwester zehn Jahre später leben musste, hatte ER mehr! Zwar muss man bei ihm sicher auch Preissteigerung und Mieterhöhung subtrahieren, dennoch bleibt ihm Ende des Monats immer noch ein deutlich höherer Betrag, den er bei Seite legen oder damit spielen kann, also zum Beispiel dieses Geld an der Börse für sich „arbeiten lassen“ oder sich damit früher in die Rente kaufen. Die teurer gewordenen Kartoffeln, von denen er auch nicht mehr essen konnte als die Schwester, kratzten ihn überhaupt nicht und während die Schwester bei Aldi oder Edeka nach Sonderangeboten Ausschau halten muss, geht er über den Wochenmarkt und kauft Bio und sie wird von den Politikern auch noch aufgefordert zu Riestern und den Pfege-Bahr abzudrücken. Das ist Irrsinn!

 

Aber die Gewerkschaften beschäftigten sich fast ausschließlich mit sich selbst. Prozentuale Lohnsteigerung und Arbeitsplatzerhalt um jeden Preis, mehr konnten sie nicht denken. Alles was außerhalb ihrer Mitglieder war, war Feind oder nicht von Interesse.

 

Als ich 1984 mein Referendariat absolvierte, war ich noch Mitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Zu dieser Zeit machte Oscar Lafontaine angesichts der drohenden Lehrerarbeitslosigkeit, - also der Lehrer, die dann Anfang der 2000er Jahre fehlten!, - den Vorschlag, dass die Lehrer, die damals vergleichsweise sehr gut verdienten auf 1 Prozent ihres Gehaltes zu verzichten, um einen Großteil der von Arbeitslosigkeit bedrohten Lehrer, also der Referendare, doch einstellen zu können. Dagegen setzte sich die Gewerkschaft massiv zur Wehr. So bestand natürlich für mich gar keine Grund mehr, Mitglied zu bleiben und ich trat sofort aus.

 

Noch mal: Zurück zu Bob Beamon!

 

Was ab dieser Zeit immer mehr um sich griff und das gesellschaftliche Leben zunehmend beherrschen sollte, war die absolute Verherrlichung der Leistungsgesellschaft. Die Betriebe und Unternehmen bis in den sozialen Bereich hinein gerieten zunehmend unter DRUCK. In der freien Wirtschaft, speziell in der Autoindustrie zeigte der technologische Fortschritt immer mehr Möglichkeiten hinsichtlich Produktivitäts- und Effizienzsteigerung auf. Immer neue Rekorde wurden gebrochen und das Ganze wurde noch weiter gesteigert durch - Qualitätsmanagement. Nicht allein das Outcome, die Ergebnisse waren nun wichtig, sondern auch der Prozess dahin! Leanmanagement, Null-Fehler-Produktion, Selbst-Optimierung um nur ein paar Stichworte zu nennen. Dass es da aber eine Grenze geben könnte, die in der Natur des / der Menschen lag und dass man darüber hinaus vollkommen vergaß, die nicht oder weniger Leistungsfähigen oder Leistungsbereiten mitzunehmen, wurde schlichtweg verdrängt. Immer mehr Menschen blieben auf der Strecke.

 

Ich selbst verstand mich als ehemaliger Leistungssportler auch als jemand, der viel, ja überdurchschnittlich, leistete. Und es ärgerte mich fürchterlich, wenn ich die Ressourcenverschwendung, die Langsamkeit und Umständlichkeit mancher Arbeitskollegen in den Betrieben, in denen ich als Erwachsener arbeitete, wahrnahm. Stets hatte auch ich Verbesserungs- und Optimierungsideen vor Augen. Und vieles davon konnte ich umsetzen, leistete also einen Beitrag zur Effizienzsteigerung. Mich regten - und das schon in der Schule und in der Jugendfeuerwehr - faule und langsame, aber auch dreiste und vorlaute Menschen, vor allem im Arbeitsalltag fürchterlich auf.

 

Und so arbeitete ich auch immer: Bis zur völligen Erschöpfung! Die dann in irgendeine Erkrankung oder Depression mündete. Waren es anfänglich nur die häufigen Mandelentzündungen und Rückenbeschwerden, folgten 1998 ein perforierter Darm, 2005 Drehschwindelattacken bis zum Erbrechen und Depression und schließlich 2008 eine schwere Herzerkrankung.

 

Besonders dramatisch wurde es, als ich im Jahr 2001 als Pflegedienstleiter im Altenheim sah, welche (zeitlichen) Ressourcen durch die finanziellen Mittel, also die Einnahmen, der Einrichtung nur zur Verfügung standen. Gleichzeitig getrieben von Ehrgeiz und dem Willen effizienter und kostendeckend zu wirtschaften und zu arbeiten, setzte ich alles daran Einsparpotentiale zu nutzen. Die Pflegemitarbeiter hatten in den Jahren davor einen Überstundenbetrag von etwa 7.000 Stunden aufgebaut, das entsprach etwa, auf ein Jahr gerechnet, fünf Vollzeitstellen. Als ich 2009 die Einrichtung verließ, waren es nur noch etwa 1.500 Stunden. Mit Disziplin, genauer Kalkulation und steter Optimierung der Prozesse gewann ich dabei zwar Ansehen und eine gewisse Selbstzufriedenheit, aber das täuschte darüber hinweg, was der Seele an Schaden angetan wurde. Als ich begann, saßen alle Mitarbeiter der Früh- und der Spätschicht noch zur gemeinsamen Mittags- und Schichtübergabe zusammen, die ich immer als sehr unproduktiv und zeitfressend erlebte. Ich rechnete die vier  der Früh- und die drei der Spätschicht-Stunden während der Übergabe zusammen, 3,5 Stunden. Und reduzierte auf 1,5 Stunden: Nur zwei der Früh- und einer der Spätschicht sollten noch an der Übergabe teilnehmen; es sei ja eh alles zu dokumentieren und damit nachlesbar. Und das Ganze wurde noch weiter getrieben, bis es viele „kürzere“ Dienste gab, um Stunden zu sparen.

 

Heute weiß ich, dass diese (so überflüssig und ineffizient erscheinende) Zeit eine wichtige, soziale Funktion hat, Gemeinsinn stiftend und Solidarität und Zusammengehörigkeit fördernd nämlich. Und ich weiß heute ebenso, dass diese, eigentlich für die Pflegenden notwendige, - allerdings durchaus besser gestaltbare Zeit -, nicht über die Einnahmen aus den Beiträgen der Pflegesätze refinanziert ist. Letztendlich habe ich also nicht nur den Mangel verwaltet, sondern den heute eingetretenen „Pflegekollaps“ mit genährt.

 

Kind meiner Zeit, dem neoliberalen Geschwätz folgend, habe ich – symbolisch gesprochen - noch Carl Lewis übertreffen wollen. Und noch immer haben es die Politiker von CDU/CSU, FDP, afd und teilweise von der SPD nicht begriffen: Das Ende der Fahnenstange ist erreicht. Es kann nicht höher hinauf gehen, sondern man muss die Fahnenstange pflegen. Man kann Menschen, hier das Pflegepersonal, nicht unendlich auspressen wie eine Zitrone, um dann noch den Abrieb der Zitronenschale zu vermarkten.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Michael Thobe (Dienstag, 19 November 2019 16:28)

    Das hast Du sehr gut gesagt und ordentlich sachlich unterfüttert. Ich bin stolz Dich zu kennen.