Herr Spahns Stellen

In den Nachrichten lese ich im Juli 2020, dass die 13.000 Stellen 1  1/2 Jahre nach der Gesetzeseinführung (SGB XI, §8 Abs. 6) nur zu zwanzig Prozent besetzt werden konnten. Es gibt schlichtweg nicht genügend Fachkräfte auf dem Markt. (Weil nämlich die Rahmenbedingungen, nämlich zu wenig Stellen, die Pflegenden reihenwiese aus ihren Berufen flüchten lassen.)

Im SGB XI steht aber auch, dass laut §113c bis zum 30.Juni 2020 ein neues Personalbemessungsverfahren gelten soll. Erste Ergebnisse erfuhr die Öffentlichkeit im April 2020. Danach werden etwa 120.000 ZUSÄTZLICHE Stellen (davon etwa 40.000 Fachkräfte) in der stationären Altenpflege benötigt!!! Das heißt, dass die Pflegekräfte mehr Pflegebedürftige dezeit versorgen als sie eigentlich KÖNNEN. Und dass sie es nicht können, zeigt sich in Skandalen, Hygienemängeln und Berufsflucht!

Herr Spahn behauptet, es gebe genügend Stellen, aber nicht genug Personal. Man müsse nur weiter die Werbetrommel rühren. Um dann Menschen in einen Beruf zu locken, der nicht nur körperlich und psychisch belastend, ondern vor allem schlecht bezahlt ist und wo man wegen fehlender Kolleg*innen ständig in Wechselschichten einspringen muss?


Spahns Aussage ist schlichtweg Unfug! Ja, es stimmt, es können bereits vorhandene und zusätzliche Stellen nicht besetzt werden. Allerdings zwingt die Pflegekassen der § 70 SGB zur Beitragssatzstabilität, das bedeutet, dass sie in Pflegesatzverhandlungen oder im Rahmen der Pflegeselbstverwaltungen (§75 SGB XI) gar nicht höheren Pflegeschlüsseln für die Heime zustimmen können, weil die Refinanzierung gar nicht geregelt ist und es an einer Gesetzesgrundlage zum Ermitteln der Planstellen für die einzelnen Heinme (noch) gar nicht gibt.

 

Herr Spahn müsste nun nicht allein ein Gesetz erlassen, dass dies alles regelt und gleichzeitig seinen Wählern klar mnachen, dass sie deswegen aus der Tasche müssen, sprich höherer Pflegeversicherungsbeitrag. (Den wahrscheinlich eine Mehrheit der Bevölkerung angesichts des derzeitigen Aufklärungsstandes mittragen würde!) In Zeiten wie diesen (Corona und Kanzlerambitionen) schweigt Herr Spahn bzw. lässt alles im Ungewissen.

 

Leiden müssen Pflegebedürftige und den Schlamassel weiter ausbaden die Pflegekräfte. Und auch die Träger der Heime bleiben weiter zerstritten und hauen nicht gemeinsam auf den Putz. Es wird geklatscht und gebetet, aber fühlt sich nicht betroffen. Wo bleibt der gemeinsame, laute Aufschrei der Verantwortlichen in der Pflegebranche?

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Kommentare: 1
  • #1

    Petra Jaenicke (Mittwoch, 15 Juli 2020 18:58)

    Arbeite bei der Diakonie Hessen und komme aus dem Sozialdienst. Zusätzlich bin ich kirchlicher Betriebsrat in verschiedenen Gremien. Momentan stehen wir mit unserem Arbeitgeber (Teil eines Arbeitgeberverbandes) in Tarifverhandlungen (mit Verdi). Wir haben jetzt erst wieder erfahren müssen, dass die Haltung der Arbeitgeberseite geprägt ist, davon nichts zu ändern. Die Schere für die Beschäftigten in den Altenheimen wird immer größer, Putzkräfte, Hauswirtschaftskräfte, Betreuung... alle werden nicht mitgenommen bei den Lohnsteigerungen. Zumindest nur in sehr kleinem Teil. Ständig muss die Pflege, Betreuung/Sozialdienst die Arbeit der Hauswirtschaft mit übernehmen, weil durch Krankheit immer wieder Löcher gerissen werden. Die Pflege selbst ist durch Krankenstand und Urlaub immer wieder unterbesetzt. Oft wird Zeitarbeit dazugebucht - aber oft geht das nicht. Diese Mehrkosten werden dem Personal schwer zur Last gelegt, da man von "Krankmachen" ausgeht, nicht von Überforderung. So entsteht auch innerhalb der Pflege und anderen Bereichen eine Hackordnung und Missstimmung zu den Kollegen die das Pech haben krank zu werden. Die Schuld wird leider nicht auf das System geschoben, das dieses Unterbesetz sein, meiner Meinung nach, billigend in Kauf nimmt. Genug Leute aus der Pflege und Hauswirtschaft opfern sich regelrecht auf. Heute kam eine Kollegin aus der Pflege zu mir mit Krankmeldung, sie hatte einen Kollaps am Tag zuvor gehabt, sie sagt aus der Überforderung heraus. Persönlich trage ich die Last der Mitarbeitervertretung sehr schwer. Ich selbst bin nicht betroffen von einem Tarifvertrag, da meine Stelle von der Kasse getragen wird. Doch setzte ich mich gerne für die Kollegen ein, die sich selbst nicht verteidigen können. Aber ich stoße an meine Grenzen, körperlich und seelisch. Gerade von einem kirchlichen Arbeitgeber würde ich erwarten, dass er nicht sein gesamtes Personal zwingt wie Mutter Theresa zu aggieren, sondern sie als Menschen betrachtet, die auch mit dem Lohn auskommen müssen. Viele alleinstehende Mütter arbeiten in der Pflege und Betreuung und Hauswirtschaft. Doch ohne Beisteuerung vom Amt können diese nicht von den Gehältern leben. Und wir reden hier von Schichtbetrieb das ganze Jahr. Denn auch zu den Feiertagen muss gearbeitet werden. Pflege wird seit dem bekanntwerden des "Pflegenotstandes" mehr bedacht, aber alle anderen nicht. Es ist ein Hohn, wie die versprochene Prämie ausbezahlt wird. Alle in der Pflege und die Betreuungskräfte bekommen anteilig einer 100% Stelle die 1500 €. Schüler liegen -hier bin ich unsicher 600 €- und alle anderen 500 €. Immer anteilg an einer 100% Stelle, die da selten vergeben ist. Außerdem werden jetzt schon Kollegen aussortiert, die 14 Kalendertage krank waren in der Coronazeit. Angeblich haben die bis Oktober Zeit sich zu "bewähren". Ohne Krankenstand, käme dann für die die Auszahlung. Eine Person die nicht 25% am Bewohner arbeitet ( Hausmeister, Sekretariat....) bekommen nichts. Und wenn ich denke wie unsere Sekreträin sich für die Bewohner und Angehörigen einsetzt, versehe ich das nicht. Unser Hausmeister hat immer ein Scherz auf den Lippen zu den Bewohnern wenn er durch das Haus läuft. "Herr... bitte in meinem Zimmer brennt die Lampe nicht, der TV läuft nicht, das Fenster geht nicht auf...." egal was, er hat immer Zeit sich um diese Belange zu kümmern. Aber nicht weil er sonst zuwenig zu tun hätte. Es ist eine Ohrfeige für alle die dort arbeiten. Wir gönnen es der Pflege und der Betreuung, das sie im vollen Umfange die Prämie bekommen - aber hier zeigt sie der Sparfinge - die anderen werden wieder wie so oft abgespeist. Es soll nicht undankbar sein, das sind alle und wenn es nur 5 Euro wären, aber die Angerkennung die diese Menschen verdienen würden, haben sie wiedereinmal nicht bekommen. Und wenn ich jetzt an die Tarifverhandlungen denke - würde ich am liebsten davonlaufen.