Zwanzig Zwanzig als Wendepunkt?

Steht Zwanzig Zwanzig für den Beginn einer Wendezeit? Diese Frage stelle ich mir angesichts der Pandemie und - ich hoffe es sehr! Wohin aber sollen wir uns wenden? Ganz sicher nicht in irgendeinen Glauben, wie ihn Religionen vermitteln! Schaue ich mir aufmerksam die Nachrichten an, dann wiederholt sich folgender Fakt: Unruhen, Krieg, Anschläge, Spaltungen innerhalb der Gesellschaft haben ihren Ursprung in Glaubensrivalitäten. Allerorten religiöse oder ideologische Grabenkämpfe und Attentate. Man kämpft gegeneinander heute weniger mit Waffen – so weit so gut – als vielmehr mit Glaubenssätzen, ignoriert Wissenschaften und hat kein Wissen, geschweige denn Bildung. Und die viel gelernt haben, stellen dem „Glaubenden“ ihre Wissens-Sätze zur Verfügung. Ja - auch unser Wissen ist unsicher, unsere Wissenschaften irgendwie erschüttert und bezweifelt, sind sie nicht das Ende von Wahrheit und Weisheit! Nie gewesen, aber ein sichereres Standbein als die Glaubenskrücken. Falsifikationsprinzip und Annäherung, immer wieder sind Erkenntnisse zu überprüfen. Wissenschaften sind der Weg zur Annäherung an Wissen, nicht Wissen selbst, aber eben kein Vermuten oder Glauben. Gleichwohl wissen und spüren die meisten Menschen, wohin die Reise gehen sollte. Sie suchen nach Belegen und Argumenten.

 

Anders bei den vielen, die nur Überschriften lesen und auf Täuschung hereinfallen. Es findet kein Vertiefen und Checken der Argumente statt, sondern sie unternehmen immer wieder rhetorische Schachzüge, ein Umkurven der Themen. Ausweichmanöver allenthalben und immer wieder das „Ja, aber“ und „der andere hat aber auch“, nämlich auf neue Felder führen, wo sich der Herausgeforderte sicher fühlt, um zu belegen, was nämlich der andere vermeintlich Böses verzapft hat. Reine Ablenkung vom Themenkern.

 

Ja – weiser sollte unsere Gesellschaft werden. Aber – wie das eine oder andere Gedicht beschreibt – ist der Weg zur Weisheit steinig und schwer. Dem Klügsten und Besonnensten nützt seine Klugheit, seine Intelligenz, sein Mut und seine Geschicklichkeit nichts, wenn er sich nicht entwickeln und unter Menschen friedlich wandeln kann. Gleichwohl lerne ich aus der Geschichte und gerade jetzt, dass es scheinbar IMMER 10 bis 20 Prozent Menschen gibt und geben wird, die Wege der Wahrheitssuche und der Verstehensbemühung gar nicht fähig sind zu gehen. Und die niederschmetternste Erkenntnis dabei ist, dass nur die allerwenigsten – keine 2- 3 Prozent – ihre irrige Meinung, das Produkt von Glauben, Vermuten und Angst, ändern werden. Die Masse der Irrenden ist nicht zu belehren, oder gar zu überzeugen. Und sie haben leider ein immer höheres Ansteckungspotential über die neuen Medien. Sie sind verloren in Verschwörungstheorien und Irrsinn und daraus nicht mehr rauszuholen. Und eben auf diese werfen die Medien ihre Scheinwerfer und gefährden die Meinungsbildung und die Demokratie.

 

Bleibt für mich die Frage in Folge der Aufklärung: Wenn wir nicht alle aufklären können, und Teile des Unaufgeklärtseins ja auch in jedem Menschen vorhanden sind, wo setzt meine Weisheit an? Bei wem führt Aufklärung zum Ziel, wenn prinzipiell kaum mehr als 80 Prozent der Menschen Argumenten folgen können und der Rest befangen bleibt im Irrglauben, im ideologischen Denken, in Angst oder Profitsucht, oder weiterhin meint, ihre Freiheit werde beschränkt, wenn sie keine Waffen tragen dürfen oder gebeten werden eine Maske zu tragen.

 

Wenn dieses Zahlenverhältnis stimmt, dann sind vielleicht radikale Maßnahmen der Regierung alternativlos und vonnöten. Führt uns das aber nicht in eine neue Form von Diktatur, wie es Rechte und Verschwörungstheoretiker uns und sich selbst weis machen wollen? Müssen wir die Aufrichtigen, die Wahrheitssucher, die Sanftmütigen nicht vor den Skrupellosen und Fanatikern schützen lassen?

 

Wie ist das mit dem Klimawandel? Da sind sich wohl die meisten Menschen und nicht nur die Wissenschaftler sehr einig, dass der
a) menschengemacht und
b) ohne Gegenmaßnahmen zu einer Katastrophe führen kann/wird.

 

Nur folgt daraus kein adäquates Handeln an den Stellen, wo Entscheidungen unumgänglich sind und zu erwarten wären. Was hindert die Menschen an den Machthebeln daran, im Sinne von Aufklärung, Vernunft, Moral, Erkenntnis und (vorläufigem) Wissen zu handeln? Genau den zehn Prozent ewig und immer Unaufklärbaren auch noch gerecht werden wollen und im Namen des Grundgesetzes sie demonstrieren lassen? Haben wir ein Recht darauf, dass diese nicht nur zurechtgewiesen, geächtet oder gar eingesperrt werden? Nein! Dennoch gibt es die Grenze da, wo andere Menschen nachweislich durch das Zulassen des Wirkens dieser Exoten in ihrem Leben gefährdet werden.

 

Diese Fragen treiben mich um. Und ich spüre immer wieder die Ohnmacht und merke den Energieverlust. Ich will nicht schuldig werden, wenn ich Polizeigewalt oder noch so gut begründete, restriktive Maßnahmen der Regierung gutheiße oder toleriere. Andererseits wurden die Nazis 1933 demokratisch gewählt – und man musste es im Rahmen des geltenden Rechts zulassen.

 

Demonstrierende Menschen in Leipzig, München, Berlin, deren Freiheitsbedürfnis ich verstehe, deren Blindheit für gute Argumente und differenzierte Erklärungen ich sehe und deren Sehnsüchte und Wahrnehmungen ich verstehe, deren Verhalten ich aber eigentlich nicht durchgehen lassen kann, weil ich Verantwortung trage und weil es nicht nur  - abstrakt – Menschen, sondern real mein Leben und das meiner Enkel zerstören kann, nur weil diese Lustdemonstranten keine Lust auf Disziplin haben und ihr Gebaren dann Freiheit nennen, wo ich mir dann einen starken – ja autoritären - Staat wünsche – und dabei, nämlich dies zu wünschen - ein Gefühl der Schuldigkeit verspüre, weil ich auch sie nicht einfach bevormundet sehen möchte.

 

Die Corona-Pandemie ist vielleicht DER Prüfstein für das Fortbestehen der Menschheit, zwar noch mehr die Klimakatastrophe, aber Corona trifft uns biologisch rascher, wird vielleicht aus der Ecke der Bakterien und Viren etc. nicht die letzte Feuerprobe für die Menschheit bleiben, und erweist sich in den Konsequenzen früher, so dass die Pandemie zum allgemeinen Umkehren triggern könnte. Mal sehen, was folgt.

 

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