Was charakterisiert Verschwörungstheorien? - Ein ekklektizistischer Versuch

 

Verschwörungstheorie ist für mich eine Meinung oder der Glaube, ein sehr komplexes und auf den ersten Blick nicht leicht zu durchschauendes Ereignis oder Phänomen durch eine einfache (meist monokausale) Erklärung mit einem Hang zur Verallgemeinerung zusammenzufassen. Hinter den Ereignissen oder Entwicklungen steht dann die vermeintliche Erkenntnis, dass ein (meist diabolischer) Verursacher (oder eine kleine Gruppe) schuld ist für die Folgen der eintretenden Misere und der Zwecke verfolgt, die gegen die menschliche Ordnung und Ethik verstoßen, um Macht und Einfluss zu gewinnen.

 

Gewöhnlich sind meist nur wenige Menschen zur Erlangung der neuen (Verschwörungs-)Weisheit fähig, die sich hinter der sehr komplexen Materie verstecke, ja - das Ganze werde noch durch eine weitere Verkomplizierung und teilweisen Geheimhaltung vertuscht. Der interessierten Öffentlichkeit werde zudem das Vordringen zu den offenkundigen Urhebern des Phänomens verschleiert oder gänzlich vorenthalten. 

 

„Als Verschwörungstheorie wird im weitesten Sinne der Versuch bezeichnet, einen Zustand, ein Ereignis oder eine Entwicklung durch eine Verschwörung zu erklären, also durch das zielgerichtete, konspirative Wirken einer meist kleinen Gruppe von Akteuren zu einem meist illegalen oder illegitimen Zweck.“ (Wikipedia)

 

Verschwörungstheorien widersprechen in der Regel der offiziellen Version der (wissenschaftlichen) Mehrheit und der öffentlichen Meinung. Das Besondere an den Vertretern solcher Theorien ist, dass sie Gegenargumenten gegenüber immer – meist rhetorisch sehr geschickt - ausweichen oder in dem Gegenargument selbst einen Beweis sehen für die Richtigkeit ihrer eigenen Thesen, unter anderem, weil sie sich damit, mehr Wissen zu haben und die Materie (weil sie intelligenter und berufen sind) besser zu durchschauen, bestätigt sehen; ihre Theorie ist also nicht falsifizierbar und wer sie bekundet, ist grundsätzlich nicht bereit (bzw. fähig) für eine Meinungsänderung. 

 

Das Theoriegebäude hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Wahn von Psychotikern. Eine Diskussion mit Verschwörungstheoretikern ist daher auch kontraindiziert und völlig sinnlos, da sie mit jeder Entgegnung sich immer noch weiter in ihrem Theoriegebäude einrichten und (andere) Fakten leugnen oder als manipuliert, gesteuert oder ge-faket deklarieren.

 

Wer zettelt Kriege an, wer ist schuld an Wirtschaftskrisen, wer verursacht weltliche Katastrophen? Ganz klar: »SIE«. Oder »DIE«. Und wer sind »SIE« oder »DIE«? Die Auswahl ist groß: Die Illuminaten. Die Juden. Die Freimaurer. Das Pharmakartell. Klaus Schwab. Geheimbund X. Geheimbund Y. Bill Gates. Hinter allem stecken unlautere Interessen, Profitinteressen oder einfach Bösewichter, sämtliche Machtzentren wie Politik oder Medien sind manipuliert und nichts, was passiert, ist zufällig. Das Ganze klingt auf den ersten Blick logisch, ist es aber nur inhärent, nicht nach ganzheitlicher und wissenschaftlicher Prüfung. (Ah, ich vergaß: DIESE Wissenschaft ist ja manipuliert…)

 

Am Anfang jeder Verschwörungstheorie steht Misstrauen einer Gruppe gegenüber einer anderen. Die These: Bestimmte Ereignisse (ob in Zukunft, Vergangenheit oder Gegenwart) seien nur das Ergebnis einer oder mehrerer „Verschwörungen“. Eine geheime Gruppe ziehe im Hintergrund die Fäden, orchestriere schreckliche Machenschaften und wolle entweder eine bestimmte Gruppe Menschen (»alle Deutschen«), eine Institution (»die Weltbank«), ein ganzes Land (»Deutschland«) oder gleich die gesamte Welt kontrollieren oder direkt zerstören. Wer an Verschwörungstheorien glaubt, sammelt alles, was die eigene These stützt.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Michael Thomsen (Donnerstag, 31 Dezember 2020 11:30)

    Intelligente Psychotiker wissen, dass sie nicht alle Details ihres Weltentwurfs erklären müssen. Es reicht schließlich völlig, wenn ihnen niemand das Gegenteil beweisen kann. (Hans Rath: Und Gott sprach: Wir müssen reden)